8. – 10. Schuljahr

Sebastian Foltin

Was gibt dem Menschen seine Würde?

Erklärungsansätze im Vergleich

Würde ist ins Menschsein eingegossen. Zumindest unserem Empfinden nach lässt sie sich nicht leugnen: Ein jeder kann sich an Demütigungen, aber auch an Momente erinnern, die seinem Selbstwert wohltaten. Wenn die Würde aber so grundlegend mit unserer erlebten Existenz verbunden ist, sollte sie sich dann nicht bis hin zu ihrem Ursprung ergründen lassen?

Für die Herleitung und Begründung der Menschenwürde gibt es verschiedene Ansätze: Sie lässt sich als transzendente Größe postulieren, als natürlich gegeben oder als ein Wert, der Menschen qua Willen zum sittlichen Handeln zukommt. Wo auch immer dieser »Würdequell« verortet wird, er sollte sie im Folgenden rechtfertigen und normativ etablieren. Was ist es also, das die Würde des Menschen erzeugt und ihn über die übrigen Kreaturen des Planeten erhebt? Wie lässt sie sich begrifflich fassen und gegen allzu naturalistische Interpretationen des Menschen verteidigen?
Zahllose Denker haben versucht, Antworten auf diese Fragen zu geben, ohne zu einer abschließenden Klärung zu kommen. Dennoch ist die gesellschaftsphilosophische Auseinandersetzung mit der Würde des Menschen kein »alter Hut«. Denn bedenkt man die menschenverachtenden Geschehnisse, die sich in diesem Augenblick im Mittelmeerraum an Land und auf See abspielen; und bedenkt man den nüchtern-passiven Reflex der angrenzenden Nationen und ihrer Entscheidungsträger und Bürger auf dieses Leid, so wird klar, dass die alten Fragen brennende Aktualität besitzen (Foto ).
Jungen Erwachsenen, deren Haltung und Deutung der Welt sich noch formen, sollten Angebote zur Reflexion dessen gemacht werden, was sie seit ihrer frühen Kindheit in sich spüren. Sie sollten angeregt werden, sich zu vergegenwärtigen, welch unschätzbaren, aber auch verletzbaren Wert jedes menschliche Individuum in sich trägt. »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, heißt es in Artikel 1 unseres Grundgesetzes (M1 ).1 Doch die rechtliche Fixierung in unser Gemeinwesen ist lediglich der normative Niederschlag unserer Überzeugung und kann nicht auf die grundlegendere Frage antworten: »Was gibt dem Menschen seine Würde?« Das soll die leitende Frage für diese Unterrichtseinheit sein.
Transzendente Würde
Die einfachste und zugleich aufwendigste Antwort auf diese Frage lautet: Die Würde wurde dem Menschen gegeben. Sie ist deshalb einfach, weil wir auf diese Weise nicht mehr in unserer eigenen Existenz nach einer Begründung suchen müssen, sondern den Ursprung außerhalb verorten. Doch wer könnte solche Autorität besitzen, dass er nicht bloß Würde für sich selbst beansprucht, sondern darüber hinaus imstande ist, sie einer auserwählten Spezies zu verleihen?
Sowohl in der Bibel als auch im Koran wird der Mensch von Gott vor den übrigen Lebewesen der Erde ausgezeichnet.2 Solche Herleitung der Würde ist jedoch in dem Sinne aufwendig, als dass sie eine Sphäre des Übernatürlichen impliziert, die abseits von persönlichen Glaubensüberzeugungen mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Zudem stellt sich die Frage, welches Würdeverständnis solche Menschen haben können, die nicht an Gott glauben und eine Würdigung qua Transzendenz ablehnen sind sie damit ihrer Würde enthoben? Diesen Spannungspunkt erörtern die Schülerinnen und Schüler anhand eines Gedankenexperiments, bei dem eine parallel existierende Menschheit vorgestellt wird, deren Vertreter uns in allen physischen und geistig-emotiven Aspekten entsprechen, jedoch weder einen Gott noch Religion kennen (M2 ).
Natürliche Würde
Der antagonistische Ansatz zu einer transzendenten Würdekonstruktion besagt, dass uns unsere Würde von Natur aus innewohnt. Der Mensch ist Erzeugnis der natürlichen Prozesse der Welt. Sein hochentwickeltes Gehirn befähigt ihn zu im Tierreich einmaligen Leistungen: Er erkennt und reflektiert sich selbst als bewusstes und empfindendes Wesen und verfügt über eine sein ganzes Erleben...

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