5. – 6. Schuljahr

Anita Rösch

Was WÜRDEst du tun?

Menschenwürde als Anspruch und Verpflichtung

Allen Deutungen des Menschenwürdebegriffs ist gemeinsam, dass dem Menschen als Individuum und als Gattungswesen eine besondere Wertigkeit zugeschrieben wird. Hierbei kommen der Wert und die Würde des Einzelnen vor allem im sozialen Miteinander, in Konfrontation mit anderen Menschen und mit sozialen Institutionen, zur Geltung. Die verschiedenen Facetten des Würdebegriffs, insbesondere der »kleinen Menschenwürde«, erkunden die Schülerinnen und Schüler anhand eines Bilderbuchs.

Stellen wir uns einen Menschen vor, der schiffbrüchig allein auf einer einsamen Insel gestrandet ist und dort unter widrigen Bedingungen sein Leben fristet. Würde man dieses Leben als menschenunwürdig bezeichnen? Eher nicht. Anders sähe es aus, wenn der Schiffbrüchige auf einer bewohnten Insel gelandet wäre und nun von den Einwohnern bedroht und gefangen gehalten wird. Diese Situation ließe sich durchaus als menschenunwürdig bezeichnen. Worauf macht dieses Beispiel aufmerksam? Der Begriff der Menschenwürde ist ein komplexer Begriff mit vielen Facetten.1 Was Stefan Gosepath zur moralischen Konzeption der Menschenrechte im Allgemeinen schreibt, kann im Besonderen auch auf den Menschenwürde-Begriff bezogen werden: »Rechte sind gerechtfertigte bzw. rechtfertigbare Ansprüche von Person(en) X, den Trägern des Rechts, gegenüber Person(en) Y, den Adressaten des Rechts, auf der Basis von Rechtsgründen.«
Rechte im Allgemeinen und Würde im Besonderen sind also mit legitimen Ansprüchen anderen Personen oder Institutionen gegenüber verbunden. Für diese Legitimität oder Berechtigung können verschiedene Gründe angeführt werden. So Gosepath weiter: »Rechtsgründe liefern die Begründung für den Rechtsanspruch; es kann sich dabei um eine eingegangene Verpflichtung (zum Beispiel Verträge), eine Eigenschaft (zum Beispiel, ein autonomes Wesen zu sein), die Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft (zum Beispiel Bürger/innen-Status) oder um ein moralisches Prinzip (zum Beispiel gleiche Achtung) handeln.«2
Der »harte normative Kern« der Menschenwürde
Aus diesem durch Rechtsgründe und Rechtsansprüche gestifteten Rechtsverhältnis erwachsen konkrete moralische Rechte und Pflichten, die nach Dieter Birnbacher den harten normativen Kern der Menschenwürde ausmachen: »Menschenwürde im starken Sinn impliziert, dass ihr Träger eine Reihe von moralischen Rechten besitzt, die anderen bestimmte negative (Unterlassungs-) und positive (Handlungs-)Pflichten auferlegen. Dazu gehören, soweit ich sehe, mindestens die folgenden fünf Rechte: 1. das Recht, von Würdeverletzungen im Sinne der Verächtlichmachung und Demütigung verschont zu bleiben; 2. das Recht auf ein Minimum an Handlungs- und Entscheidungsfreiheit; 3. das Recht auf Hilfe in unverschuldeten Notlagen; 4. das Recht auf ein Minimum an Lebensqualität im Sinne von Leidensfreiheit und 5. das Recht, nicht ohne Einwilligung und in schwerwiegender Weise zu fremden Zwecken instrumentalisiert zu werden.«3
Der alleinlebende Schiffbrüchige kann diese Rechte nicht geltend machen. Es gibt keinen Adressaten des Rechts, der ihm diese Rechte gewähren kann. Auch liegt keine Rechtsverletzung vor: Niemand ist für seine missliche Lage auf der Insel verantwortlich, und kein Mensch kann an dieser Situation etwas ändern. Anders wäre es im Fall der bewohnten Insel. Hier könnten negative Unterlassungs- und positive Handlungspflichten eingefordert werden, und das Verhalten der Inselbewohner gegenüber dem Schiffbrüchigen verletzt beides. An dem Beispiel wird deutlich, dass Menschenwürde an das Leben in einer Gemeinschaft gebunden ist.
Die »kleine Menschenwürde«
Dietmar von der Pfordten bezeichnet die von Birnbacher dargestellten Rechte als Charakteristikum der kleinen Menschenwürde4, die er von der großen Menschenwürde, verstanden als Selbstbestimmung über die eigenen Belange, abgrenzt. Die kleine Menschenwürde, um die es auch in dieser...

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