5. – 13. Schuljahr

Elif Özmen

Welchen Wert hat die Menschenwürde?

Historische Wurzeln, zeitgenössische Bedeutungen, problematische Anwendungen

Die Idee der Menschenwürde ist so simpel wie bestechend: Jedem Menschen kommt, bloß indem und weil er Mensch ist, Würde zu. Mit einem historischen und systematischen Zugang wird der Würdebegriff in seinen verschiedenen Bedeutungen ausgeleuchtet und auf den normativen Zusammenhang mit der Vorstellung vom gleichen Wert jedes Menschen und dem Konzept der Menschenrechte hin befragt.

Als universeller Wert begründet Würde universelle Rechte: Jedem Menschen kommen, bloß indem und weil er Mensch ist, Rechte zu. Diese Idee bildet das Fundament unserer gegenwärtigen Praktiken der wechselseitigen Anerkennung als moralische und rechtliche Personen, etwa, dass wir einen Anspruch auf gleiche Achtung und Würde haben ebenso wie auf ein Leben in menschenwürdigen Verhältnissen, dass es unverletzliche Grund- und Menschenrechte gibt, die dem Handeln Dritter, vor allem des Staates, kategorische Grenzen setzen, dass es Dinge gibt, die uns niemand, ganz gleich aus welchen Gründen, antun darf.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahre 1948 bezieht sich bereits in der Präambel auf diesen normativen Zusammenhang von Wert, Würde und Rechten des Menschen: »Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet, [] verkündet die Generalversammlung diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal.« Folgerichtig lautet der erste Artikel: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.«
So selbstverständlich uns die normative Autorität der Menschenwürde heute erscheint, so bewegt ist die Geschichte dieses Begriffs, der zwar seit der römischen Antike gängig ist, aber im Laufe der Jahrhunderte mit divergenten Bedeutungen versehen wurde. Diese historischen und semantischen Wurzeln der Menschenwürde im Sinne einer Leistung, Mitgift und Fähigkeit (1) sind auch von einem systematischen Interesse, insofern sie in den zeitgenössischen Debatten präsent sind, die den Wert der Menschenwürde für das Recht und die Moral ausloten (2). Zudem wird mit Würde (bzw. einer ihrer Bedeutungen) bei einer Reihe von normativen Rechts- und Wertkonflikten argumentiert, und zwar von allen möglichen, auch konkurrierenden Seiten (3). Das wirft die Frage nach dem Wert der Menschenwürde noch einmal auf: (Wozu) brauchen wir sie eigentlich (Abb. 1 )?
1. Eine kleine Geschichte der Würde
Würde als Leistung
Die Geschichte der Würde beginnt in der römischen Philosophie, wo der Ausdruck dignitas die privilegierte Stellung von Personen des öffentlichen Lebens bzw. deren Ämter, Pflichten und das damit verbundene gesellschaftliche Ansehen bezeichnet. Als äußerliche, veränderliche Eigenschaft der sozialen und politischen Stellung entspricht Würde einer besonderen Leistung. Eben diese Leistung gibt vor, was wir von diesem Menschen zu halten, aber auch, welches Verhalten wir von ihm und uns zu erwarten haben. Das Auftreten, die Sprache, die Lebensführung, ja sogar die Körperhaltung und Kleidung sind Ausdruck und Bewährungsinstanz der Dignität der Person, die wegen ihrer gesellschaftlichen Besonderheit auch eine besondere Behandlung durch andere verdient.
So demonstriert der politisch verantwortliche Beamte laut Cicero seine Würde in jeder Lebenslage. Sein Haupt ist erhoben, seine Statur aufrecht, die Stimme deutlich und angenehm, seine Rede gelassen, respektvoll und wahrhaftig, seine Wünsche gehorchen der Vernunft und der Sittlichkeit. Konsequent meidet er alle »Verhaltensweisen, die in grobem Mißverhältnis zu menschenwürdiger Haltung stehen«.1 Umgekehrt gibt es auch Tätigkeiten, die »eines Freien unwürdig und schmutzig sind« (etwa Tagelöhner, Diener, Prostituierte)2 bzw. als tierlich...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen