5. – 13. Schuljahr

Eva Weber-Guskar

Würde: Basis oder Ziel moralischer Normen?

Menschenwürde als Wesensmerkmal, Recht oder Haltung

Dass der Begriff der Menschenwürde unter Rückgriff auf ein allgemeines Verständnis von Würde verstanden werden muss, ist hier die Ausgangsthese. Nach einer Strukturanalyse des Begriffs werden verschiedene Bedeutungen der Menschenwürde erläutert Würde als Basis und als Ziel von Normen und Menschenwürdeverletzungen als ganz spezifische moralische Verstöße erläutert.

Als der Politiker Martin Schulz Präsident des Europäischen Parlaments war, hat er einmal zu einer, wie er selbst es ausdrückt, »ungewöhnlichen Maßnahme« gegriffen: Er hat den griechischen Abgeordneten Eleftherios Synadinos aus einer Sitzung ausgeschlossen. Mit sofortiger Wirkung. Vor laufenden Kameras forderte Schulz Synadinos auf, den Saal zu verlassen was dieser schließlich unter Protest tat. Warum hat Schulz zu dieser drastischen Maßnahme gegriffen? Synadinos hatte sich am Morgen im Parlament rassistisch diskriminierend über Türken geäußert. Schulz sah in diesen Äußerungen eine schwerwiegende Verletzung der Werte und Grundsätze der Europäischen Union und hielt sie deshalb für »unbedingt sanktionierbar« (im Sinne von Artikel 165 der Geschäftsordnung). Es sei ein Zwischenfall, bei dem das Europäische Parlament reagieren müsse, das sei »unvermeidlich für die Würde des Hauses«1.
Dieser Vorfall ist einschlägig, wenn man sich über die Bedeutung des Begriffs der Menschenwürde klar werden will, denn bei diesem Vorfall spielt »Würde« in zwei Hinsichten eine Rolle. Zum einen beruft sich Schulz auf die Würde des Europäischen Parlaments. Diese nehme Schaden, wenn keine Gegenmaßnahme ergriffen werde, sobald ein Mitglied den Grundsätzen dieser Institution nicht entspricht. Diesen Grundsätzen widersprochen hat Synadinos, indem er sich abwertend verallgemeinernd über »die Türken« geäußert hat, denen nicht anders als »mit der Faust« beizukommen sei um nur einen harmloseren Teil der Äußerung zu zitieren.
Zum anderen spielt die Würde des Menschen indirekt eine Rolle, insofern sie zu den angesprochenen Werten und Grundsätzen gehört. Sie steht in Artikel 1 der Grundrechtecharta der EU als etwas, das zu schützen und zu achten sei. Und eben dagegen verstößt der Abgeordnete, wenn er sich diskriminierend gegenüber Türken äußert. Diskriminierung ist geächtet, so lässt sich die Charta verstehen, weil sie die Würde von Menschen verletzt (Art. 1 und 21). Wir haben es hier also mit zwei Beispielen der Verwendung des Wortes Würde zu tun: einmal als Würde einer Institution, einmal als Würde von Menschen.
Wenn man klären will, was genau unter »Menschenwürde« zu verstehen ist, bieten diese Beobachtungen eine erste hilfreiche Orientierung: Offensichtlich sprechen wir von Würde auch jenseits des Kompositums der Menschen-Würde. Deshalb meine ich, dass es ein allgemeines Verständnis von Würde geben muss, das verschiedentlich verwendet werden kann. Selbstverständlich sollte bei einer Erläuterung des Begriffs der Menschenwürde deutlich werden, inwiefern dieses Kompositum mit der allgemeinen Idee von Würde verbunden ist.
Ausgehend von diesen Vorüberlegungen, entwickle ich im Folgenden einen Vorschlag zur Erläuterung von Menschenwürde in drei Schritten. Zuerst biete ich eine strukturelle Erläuterung von dem erwähnten allgemeinen Verständnis von Würde an. Der Deutlichkeit halber spreche ich von »Würde an sich«. Dann zeige ich, wie bisherige, klassische Ansätze von Menschenwürde daran anknüpfen, aber auch, welche Probleme sich daraus ergeben. Anschließend schlage ich eine Konzeption von Menschenwürde vor, mit der man, wie ich zeigen will, die genannten Probleme der bisherigen Ansätze vermeiden kann.
1. Würde an sich
Wenn wir die Würde des Parlaments als Ausgangspunkt für ein Verständnis von Würde an sich nehmen, ist zunächst offensichtlich, dass Würde zu haben damit verbunden ist, dass jemand oder etwas gewissen Normen entspricht (Abb. 1+2 ):...

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