5. – 6. Schuljahr

Simon Mayer

Das ist unser Land!?

Ein moralisches Dilemma zwischen Eigentum, Autonomie und der Pflicht, Menschen in Not zu helfen

Schon früh entwickeln Kinder einen Begriff von Eigentum und damit verbundene Intuitionen vom Recht an Gütern und Gerechtigkeit im Hinblick auf ihre Verteilung. Diese Einheit möchte Schülerinnen und Schülern der Orientierungsstufe die abstrakte Argumentation der Migrationsethik zugänglich machen und so ihre ethische Urteilsfähigkeit für eine politisch hochaktuelle und auch in absehbarer Zukunft relevante Frage schärfen.

Eigentum
Ein dreijähriger Junge, ein Erwachsener und eine von einem anderen Erwachsenen gespielte Puppe sitzen an einem Tisch. Alle drei malen jeweils ein Bild. Als sie fertig sind, äußert sich die Puppe begeistert über die Bilder des Jungen und des Erwachsenen und versucht, deren Bilder zu schnappen. Der Junge protestiert, als die Puppe nach seinem Bild greift, und bringt es in Sicherheit. Auch als die Puppe nach dem Bild des Erwachsenen greift, protestiert der Junge.
Die Autoren1 der dieser Szene zugrundeliegenden Studie deuten das Verhalten des Jungen so, dass Kinder ab drei Jahren eine erstaunlich entwickelte Vorstellung von Eigentum haben. Sie scheinen zu verstehen, dass Eigentum keine Relation zwischen einer Person und einer Sache ist, sondern eine Relation zwischen mindestens zwei Personen in Bezug auf eine Sache.2 Der Junge protestiert nicht nur, als ihm sein eigenes Eigentum weggenommen zu werden droht. Er protestiert auch, als das Eigentum einer dritten Partei beeinträchtigt zu werden scheint. Eigentumsrechte gelten für alle Personen einer Gruppe, und deshalb kann der Eigentümer einer Sache alle anderen von ihrem Gebrauch ausschließen.
Als Recht gegenüber anderen hat der Eigentumsbegriff eine ethische Dimension. Darf ich andere prinzipiell von meinem Eigentum ausschließen oder gibt es Bedingungen, unter denen ich mein Eigentum nicht nur teilen kann, sondern muss? Und, vorausgesetzt, ich darf andere vom Gebrauch meines Eigentums ausschließen, warum darf ich das?
Eigentum, Freiheit und Migration
Im Zentrum der zeitgenössischen Migrationsethik steht seit ihrer Entstehung in den 80er-Jahren die Frage, ob und in welchem Umfang souveräne Staaten dazu verpflichtet sind, ihre Grenzen für Migranten zu öffnen3 und spätestens seit dem Herbst 2015 bewegt die Frage, welche und wie viele Flüchtlinge Deutschland aufnehmen muss, eine breite Öffentlichkeit.
Dabei spielt sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der akademischen Diskussion der Eigentumsbegriff eine wichtige Rolle. Politiker sorgen sich um die Kosten, die durch Flüchtlinge entstehen, und Populisten wissen mit Parolen wie »Die Migranten nehmen uns unsere XY weg« den Eigentumsbegriff geschickt für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.4
In der philosophischen Debatte spielen Argumente, die mehr5 oder weniger6 explizit mit dem Eigentumsbegriff operieren, eine zentrale Rolle. So argumentiert beispielsweise Hillel Steiner, dass ein Staat dann die Immigration beschränken dürfe, wenn die individuellen Eigentumsrechte seiner Bürger an dem Land rechtmäßig seien. Staaten dürfen nach diesem Argument ganz ähnlich wie der Dreijährige sein Bild dem Zugriff der Puppe entziehen darf, weil es sein Eigentum ist Menschen die Einreise in das Land verwehren, weil seinen Bürgern das Land gehört.
Analog argumentieren Köllmann und Nida-Rümelin mithilfe eines Gedankenexperimentes. Stellen Sie sich vor, ein Obdachloser verschafft sich unerlaubt Zugang zu Ihrer Wohnung, und als Sie auf ihn treffen, bittet er um Zustimmung, dass Sie von nun an Ihre Wohnung mit ihm teilen. Nida-Rümelin glaubt, dass Sie als Wohnungseigentümer auch dann das Recht haben, seine Bitte abzulehnen, wenn Sie sicher davon ausgehen können, dass sich die materielle Situation des Obdachlosen durch das Zusammenleben mit Ihnen erheblich verbessert und Ihre materielle Situation sich nur unwesentlich verschlechtert.
Aber wie kann dafür...

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