8. – 13. Schuljahr

Anita Rösch

Flucht als Naturgewalt?Die sprachliche Darstellung von Fluchtbewegungen in den Medien

Knapp zwei Millionen Einträge listet Google auf, wenn man »Flüchtlingskrise 2015« eingibt. Allein Wikipedia widmet der Flüchtlingskrise 2015 in Deutschland und in Europa jeweils einen eigenen langen Artikel. Flüchtlingskrise, was heißt das eigentlich? Wer befindet sich hier aus welchem Grund in einer Krise? Über einen sprachkritischen Zugang, die Begriffsarbeit und -analyse, leistet die Unterrichtseinheit einen Beitrag zur Medienerziehung.

Die Rede von einer Flüchtlingskrise bedeutet erst einmal so viel, dass es eine Krise aufgrund geflüchteter Menschen gibt. Bei genauerer Betrachtung allerdings stellt sich die Frage, worin das Krisenhafte besteht. Angesichts der zurzeit etwa 65 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, erscheinen etwa eine Million Zuwanderer in Deutschland mit seinen rund 82 Millionen Einwohnern verkraftbar. Andere Länder haben da erheblich mehr zu bewältigen. Die meisten Flüchtlinge beherbergt der Libanon, ein Land mit circa vier Millionen Einwohnern, die sich den Platz mit etwa 1,5 Millionen Flüchtlingen teilen.
Worin besteht also die Krise? Vermutlich eher im Umgang von Staat und Gesellschaft mit den Schutzsuchenden, in Kompetenzstreitigkeiten und Missmanagement bei der Unterbringung und bei der Bearbeitung der Asylanträge, in internationalen Streitigkeiten über die Zuständigkeiten und die Verteilung, das alles gepaart mit irrationalen Ängsten in Teilen der Bevölkerung, geschürt von »besorgten Bürgern« und selbsternannten Verteidigern des Abendlandes vor Überfremdung. Also doch eher eine Krise der Asylpolitik als eine Flüchtlingskrise? »Die Flüchtlinge sind nicht die Krise selbst. Sie lösen auch keine tatsächliche aus, sondern sie entfachen eine emotionale Krise mit unfairen Vorzeichen.«1
Beeinflussung durch einzelne Begriffe
Die Medien, auch die seriösen, haben unbewusst die Krisenstimmung und die Ängste und damit mittelfristig auch die Fremdenfeindlichkeit durch ihre Wortwahl noch angefacht. Da ist von Flüchtlingsströmen, Flüchtlingslawinen, einer Flüchtlingswelle die Rede. Strom, Lawine, Welle Naturbegriffe, die für Naturgewalten, Katastrophe, Unkontrollierbarkeit, Unberechenbarkeit, Ausgeliefertsein stehen. Man denke an die jüngste Schlammlawine in der Schweiz oder den Hurrikan Harvey in den USA. Zerstörerisch und todbringend.
Diese Begriffe werden nun in einen Zusammenhang mit Zufluchtsuchenden gebracht, die so verzweifelt sind, dass sie bereit sind, alles aufzugeben und alles zu wagen, um aus den menschenunwürdigen Lebensverhältnissen zu fliehen, die in ihren Heimatländern herrschen. Was macht diese Kombination von Begriffen und realer Situation, kombiniert mit Bildern von Menschenmengen an Grenzzäunen oder auf kleinen Booten auf dem Mittelmeer, mit Zeitungslesern und Fernsehzuschauern?
Eine Menge, wie Experimente an der Stanford University herausgefunden haben.2 Schon ein einzelnes Wort in einem journalistischen Text kann die Wahrnehmung einer Situation unbewusst entscheidend beeinflussen. Zwei Gruppen von Probanden erhielten in einem Versuch einen kurzen Bericht über die rapide steigende Kriminalität in einer fiktiven amerikanischen Stadt und sollten sich im Anschluss Lösungsmöglichkeiten für das Problem überlegen. Die Texte unterschieden sich nur in einem Wort. Ein Text beschrieb die Kriminalität als Bestie, der andere als Virus. Auffällig waren die Lösungsvorschläge der beiden Gruppen. Während vorgeschlagen wurde, auf Kriminalität als Bestie vor allem restriktiv zu reagieren, plädierte die andere Gruppe, deren Text Kriminalität als Virus bezeichnete, vor allem für präventive Maßnahmen. Die Autoren der Studien fassen ihre Ergebnisse so zusammen: »Interestingly, we find that the influence of the metaphorical framing effect is covert: people do not recognize metaphors as influential in their decisions; instead they point to more ›substantive‹ (often numerical) information as the motivation for their problem-solving decision.«...

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