9. – 13. Schuljahr

Kolumnen

Fatoni&Dexter: 32 Grad
Als am 3. Oktober 2013 ein Boot mit Schutzsuchenden kenterte und knapp 400 der etwa 550 Insassen im Mittelmeer ertranken, rückte die Frage des europäischen Grenzregimes ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die italienische Insel Lampedusa, die zwischen Sizilien und der tunesischen Küste liegt, ist Ziel vieler Schutzsuchender, vor allem aus afrikanischen Ländern wie Eritrea und Somalia, die sich auf der Flucht nach Europa befinden. Da es keinen legalen, sicheren Weg gibt, in Europa Asyl zu beantragen, treten viele die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer an.
Spätestens 2015, als in Folge der großen Zahl von Geflüchteten aus Syrien das Dublin-System, das die Verantwortung für die Aufnahme und Versorgung von Schutzsuchenden Mittelmeeranrainer-Staaten wie Griechenland, Italien und Spanien zuschob, zusammenbrach, kam die Diskussion auch in Deutschland an.
Dass die Mittelmeer-Länder nebenbei auch zu den beliebtesten Urlaubszielen der Deutschen gehören, nehmen die Rapper Fatoni und Dexter zum Anlass, in ihrem Song 32 Grad aus dem Album Yo, Picasso (2015) auf subtile Art die Gleichzeitigkeit von Pauschaltourismus und den elenden Bedingungen, unter denen die Schutzsuchenden leben, zu thematisieren. Dabei sind beide Seiten nicht explizit als solche benannt.
Der Text
Die beiden Strophen werden mit Szenarien eingeleitet, die den Eindruck erwecken, sie seien aus der Sicht Schutzsuchender geschrieben und werden dann so aufgelöst, dass sie das Bild in das eines Touristen umwandeln, der sorglos seinen Urlaub verbringt.
Der Song zeichnet das Bild eines (westlichen) Touristen, der einen klassischen Pauschalurlaub verbringt. Er ist sich der Anwesenheit der Schutzsuchenden bewusst und fühlt sich zuweilen sogar durch sie gestört. Gleichzeitig aber versucht er, sich davon nicht »den Urlaub vermiesen zu lassen«.
Um die Selbstwahrnehmung des Urlaubers darzustellen, greift der Song auf eine Reihe von Klischees zurück, die geschickt und mit einem (selbst)ironischen Unterton platziert werden. Unter anderem spricht er vom all inclusive-Anspruch, alles zu bekommen, was man will (»Es heißt ›all you can eat‹ und genau das werd ich tun. Geh mir aus der Sonne, denn ich hab sie gebucht!«), einem Ründchen Golf und regelmäßigem Alkoholkonsum. Im Text sind Anspielungen auf sein Selbstverständnis als offener und vermeintlich kritischer Mensch versteckt (»Ich glaube, zu mir passt ein Cosmopolitan«), der aber gleichzeitig Dinge wie die kapitalistische Leistungsideologie verinnerlicht hat (»es ist kein Zufall, wer Erfolg hat«).
Die Situation der Schutzsuchenden wird angedeutet, aber im Text nicht explizit benannt. Sie tauchen immer wieder am Rande des Geschehens auf, wo sie vom Protagonisten nur beiläufig wahrgenommen werden. Er sieht sie meist als Ärgernis (»DJ mach das Lied mal laut, weil die Schreie da draußen einem den Appetit versauen«), oder als Bedrohung (»doch dieser Club hier hat zum Glück einen Zaun«).
Auch wenn sich der Text auf unterschiedliche Orte bezieht, wird im Refrain immer wieder Lampedusa genannt. Die Zeilen »32 Grad hat es auf Lampedusa, spürst du diese frische Brise vom andern Ufer?« klingen wie die Beschreibung eines idealen Urlaubsortes und bilden gleichzeitig einen Kontext ab, in dem sich zweierlei abspielt: westlicher Pauschaltourismus mit Sonne und Meer und die Versuche gestrandeter Schutzsuchender von eben jenem „anderen Ufer, in Europa Aufnahme zu finden.
Das Video
Das Musikvideo zum Song wurde auf der griechischen Insel Lesbos gedreht. Hier kamen 2015 täglich mehrere tausend Menschen an und liessen sich im ›Hotspot‹ Moria registrieren. Um die Insel und damit europäischen Boden zu erreichen, waren sie gezwungen, die Überfahrt in kleinen Booten zu wagen. Über die menschenunwürdigen Bedingungen in den Camps wurde 2015 viel berichtet, doch trotz der großen medialen Aufmerksamkeit hat sich die Situation vor Ort bis heute nicht geändert.
Das Video...

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