11. – 13. Schuljahr

Daniel Dorn

LeitkulturDebatten um was eigentlich?

»Leitkultur« ist eines dieser Worte mit Sprengkraft, die kontrovers diskutiert und als Stellvertreter für ganze politisch-gesellschaftliche Wertesysteme gelesen werden. Nur: Was ist damit eigentlich gemeint? Und welche ethischen Positionen sind verbunden mit dem Konzept Leitkultur? Im Setting einer Ethik-Kommission diskutieren die Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Positionen zur Frage der Leitkultur und kommen so zu einer fundierten Einschätzung.

Seit Bassam Tibi, ein deutsch-syrischer Politikwissenschaftler, den Begriff »(europäische) Leitkultur« erstmalig Ende der 1990er-Jahre verwendete1, wurden über nahezu 20 Jahre politische Debatten um die Bedeutung, den Gehalt und die Berechtigung dieses Begriffs geführt. Diese Kontroversen drehten sich primär um das Verhältnis und die Verständigung zwischen deutschen Staatsbürgern und Neuankömmlingen. Die Grundfrage, die dabei im Hintergrund stand und steht, ist die, ob allein das Gesetz als solches ausreicht, um ein friedliches gesellschaftliches Zusammenleben zu gewährleisten oder ob es einer spezifischen, vorgeordneten Kultur bedarf, welche Identität stiftet und zugleich bestimmte Werte vermittelt und Verhaltensweisen in unserem Alltag verankert.
Parteien aus dem konservativen bzw. rechten Spektrum verneinten diese Frage entschieden. Sie nutzten den Begriff der (deutschen) Leitkultur, um anzuzeigen, dass sich Einwanderer an die hiesige Kultur und deren Werte anzupassen hätten, ohne in Rechnung zu stellen, dass auch die deutsche Gesellschaft durch eine unübersehbare Vielfalt von Kulturen und Werten geprägt ist.
Bassam Tibi hatte versucht, so etwas wie eine »innere Hausordnung« für eine moderne, plurale Gesellschaft zu beschreiben, die sich in einem säkularen Wertekonsens widerspiegelt. Sie sei primär an Werten der europäischen Aufklärung orientiert, entstehe allerdings nicht durch bloße Rechtsbefolgung. Die Vernunft habe vor aller religiösen Offenbarung in einer säkularen Demokratie zu stehen. Ein allseitig anerkannter Pluralismus müsse zugleich die Basis für gegenseitige Akzeptanz und Toleranz schaffen und somit eine rationale Bewältigung kultureller Differenz ermöglichen.
Zielte Bassam Tibi noch insgesamt darauf ab, eine »säkulare wertebezogene Hausordnung«2 aus der Trias Menschenrechte – Laizismus – Demokratie zu destillieren und unter dem Begriff einer »europäischen Leitkultur« im Geiste der Aufklärung zu führen, brachten in der Folge Politiker des konservativen Lagers wie zum Beispiel Jörg Schönbohm oder Friedrich Merz3 die »deutsche Leitkultur« als kulturellen Kampfbegriff in Anschlag.
Es ging vielen der Fürsprecher einer deutschen Leitkultur nicht mehr nur darum, Grundwerte zu definieren oder Regeln für ein gesellschaftliches Zusammenleben zu beschreiben, sondern vielmehr sollte geklärt werden, wer »wir« und wer »die anderen« sind. All dies geschah um das Jahr 2000, in dem die »Deutsche Leitkultur« zum Unwort des Jahres wurde4, weil es so die Begründung der vergebenden Pons-Redaktion eine sachliche Auseinandersetzung verhindere. Doch muss sie das?
Positionen aus einer aktuellen Debatte
Mehrere Debattenphasen später und bedingt durch den erhöhten Zustrom von Flüchtlingen ab 2015 wurde das Thema im Zuge der Integrationsdebatte erneut virulent. Unter anderen legte der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière im Wahljahr 2017 in einem Zeitungsartikel Thesen zu einer »Leitkultur in Deutschland« vor, die zur Diskussion anregen sollten.
De Maizière geht davon aus, dass das Grundgesetz und damit ein »Verfassungspatriotismus« nicht ausreichten, um ein politisches Gemeinwesen zu tragen und ein gesellschaftliches Zusammenleben zu regeln. Deshalb unternimmt er den Versuch, in zehn Thesen eine deutsche Leitkultur zu beschreiben (M3 ). Unter anderem stellt er bestimmte Umgangsformen und erprobte Lebensgewohnheiten heraus, die zum Deutsch-Sein gehörten, beispielsweise sich...

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