11. – 13. Schuljahr

Jennifer Pavlik

Was bedeutet es, ein Flüchtling zu sein?Das ›reine Menschsein‹ und die Aporien der Menschenrechte bei Hannah Arendt

Im Rahmen des hier vorgestellten Unterrichts erarbeiten die Schülerinnen und Schüler die Lebenssituation und Erfahrungen von ›Flüchtlingen‹ in ihrer vielfachen Exklusion, ausgehend von Textauszügen aus einem Essay von Hannah Arendt. Der stellt einen Ausschnitt aus ihrer politischen Theorie ins Zentrum, der für den Umgang mit Geflüchteten und das eigene Selbstverständnis sensibilisieren kann.

Hannah Arendts Essay »Wir Flüchtlinge« (1986)
Hannah Arendts 1943 zunächst auf Englisch publizierter Essay ist ein eindrucksvolles Beispiel für eine biografisch geprägte Reflexion über die Lebensbedingungen von Menschen, die gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen, und die man mit Realitäten konfrontiert hat, an deren Konstitution sie keinerlei Anteil haben konnten. Gleichzeitig sind Arendts Ausführung aktueller denn je, da sie zentrale Fragen aufwerfen, über die auch Schülerinnen und Schüler gegenwärtig nachdenken, wenn sie sich bewusst machen, welche Erfahrungen ihre neuen Mitschüler möglicherweise gemacht haben und wie sich diese als Neuankömmlinge in einem fremden Land fühlen mögen. Wir Flüchtlinge eignet sich daher in besonderer Weise, um Schülerinnen und Schülern die Perspektiven geflüchteter Menschen näherzubringen und sie dazu anzuregen, ein Bewusstsein für deren Wahrnehmungen zu entwickeln, da der Text sowohl emotional als auch kognitiv zu weitreichenden Reflexionen einlädt.
Die vorgestellte Unterrichtsidee verfolgt das Ziel, die Lebenssituation und Erfahrungen von ›Flüchtlingen‹ in ihrer vielfachen Exklusion zu erarbeiten und, ausgehend von Arendts Essay, einen Ausschnitt aus ihrer politischen Theorie ins Zentrum zu stellen, der für den Umgang mit Geflüchteten und das eigene Selbstverständnis sensibilisieren soll. Dabei steht vor allem Arendts berühmt gewordene Formulierung, der Mensch habe ein Recht, Rechte zu haben, im Zentrum der Lerneinheit, durch die sie auf die prekäre Verquickung von Menschen- und Bürgerrechten verweist und das Schicksal der Geflüchteten zur Zeit des Nationalsozialismus herausstellt, die durch den Verlust ihrer Bürgerrechte zugleich ihre Teilhabe an den Menschenrechten verloren haben.
Arendts Reflexionen über den Begriff »Flüchtling«
Die Unterrichtseinheit beginnt mit Arendts kritischer Reflexion des Begriffs »Flüchtling«, indem anhand der Texte in M1 die vielschichtigen Bedeutungsebenen des Wortes vor dem Hintergrund des eigenen Sprachgebrauchs herausgearbeitet werden. Arendt macht in diesem kurzen Auszug sehr deutlich, dass sie nicht als »Flüchtling« bezeichnet werden möchte, da der Begriff ihr zufolge eine pejorative Bedeutung impliziert und in der Vergangenheit für Menschen verwendet wurde, die aufgrund ihrer Taten oder politischen Überzeugungen fliehen mussten. Sie verweist darauf, dass sich der Begriff im 20. Jahrhundert gewandelt hat: Er steht nun für all jene, die schlicht Pech gehabt haben, da sie ohne eigenes Zutun gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen, und auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Anstatt als »Flüchtling« zu gelten, plädiert sie daher dafür, als »Neuankömmling«, «Einwanderer« oder als »Amerikaner deutscher Sprache« bezeichnet zu werden.
All diese Denominationen tragen (bei allen Differenzen) das für Arendts politische Theorie prägende Signum der Natalität in sich, da sie sich anders als der Begriff »Flüchtling« nicht auf Vergangenes beziehen, sondern den Blick nach vorn richten und auf eine offene Zukunft verweisen. Es lohnt sich, diese begriffliche Differenzierung mit Schülerinnen und Schülern zu reflektieren und im Detail zu hinterfragen, welche Konnotationen, Assoziationen und Wertungen jeweils stillschweigend (mit) zum Ausdruck gebracht werden. So können die Jugendlichen für ihre eigene Sprachwahl sensibilisiert werden, die auch dazu beitragen kann, das eigene Denken zu differenzieren.1
Die...

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