11. – 13. Schuljahr

Fahreta Heric | Chiara Zimmermann

Wen aufnehmen?

Gesinnungs- und verantwortungsethische Positionen zu Migration und Flucht

Die Unterscheidung von gesinnungs- und verantwortungsethischen Ansätzen ist eine ganz zentrale im Bereich der Praktischen Philosophie. Hier wird der Unterschied erarbeitet am Beispiel der Frage, wie die Aufnahme von Flüchtlingen ethisch vertretbar geregelt werden kann. Die Textgrundlage dafür liefert ein Buch von Konrad Ott, das sich auch für die Ganzschriftlektüre anbietet und eine genaue Analyse der konkurrierenden Ansätze und ihrer Argumente in der Zuwanderungsfrage ermöglicht.

Weltweit befinden sich 65,6 Millionen Menschen auf der Flucht. Ein Drittel dieser Menschen flüchten vor Verfolgung und Konflikten, 5,5 Millionen davon allein aus Syrien. Ende des Jahres 2015 verzeichnete das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge über 890000 Asyl suchende Menschen, die Mehrheit davon Kinder und Jugendliche.1 Ein Viertel der gestellten Asylanträge wurden in diesem Jahr abgelehnt. Danach blieb den Geflüchteten nur noch die Heimkehr ins Ungewisse.
Im Kontext dieser Situation wird die Bedeutung des Begriffs »Flüchtlingskrise« als Krise der Asylpolitik schnell deutlich. Der starke Anstieg an gestellten Asylanträgen führte in Deutschland zu einer Verwaltungs- und Infrastrukturkrise, deren Folgen weitreichend waren: Der Erfassung der ankommenden Menschen konnte nicht nachgekommen werden, die Bearbeitung der gestellten Asylanträge zog sich in die Länge und die Unterbringung der Schutzsuchenden stellte eine große Herausforderung dar.
Diese heikle Situation hat die Gesellschaft in ihrer Einstellung zur Flüchtlingspolitik geprägt und in der Folge auch polarisiert. Während die einen das »Refugees Welcome«-Plakat nicht hoch genug halten können, schütteln die anderen den Kopf über diese Willkommenskultur. Mit dem optimistischen Credo »Wir schaffen das« werden Probleme wie überfüllte Flüchtlingsunterkünfte oder Verunsicherungen und Ängste um den inneren Frieden des Landes besänftigt. Ganz so einfach ist diese Herausforderung aber nicht zu schaffen. Die Wahlen im September 2017 haben gezeigt, dass die Bevölkerung in ihrer Haltung gespalten ist. Es gibt eine Gruppe, die keine Einschränkungen bei der Aufnahme von Menschen in Not akzeptiert. Bei anderen macht sich eine ebenfalls moralisch motivierte Skepsis breit, die sich deutlich auf die Auswirkungen der Willkommenskultur richtet.
Zwei Argumentationslinien
Angeregt durch die Flüchtlingsströme im Jahre 2015 und die daraus entstandene politische Debatte widmet sich der deutsche Philosoph Konrad Ott in seinem Buch Zuwanderung und Moral der Problematik zweier Argumentationslinien, die im Zusammenhang mit den aktuellen Veränderungen innerhalb Deutschlands zu beobachten sind: einer gesinnungs- und einer verantwortungsethischen.2 Otts Ziel ist es, für jede Ethik und deren Standpunkte die innere Logik Schritt für Schritt zu entwickeln, darzustellen und Argumentationsfehler aufzudecken.
Die Gesinnungsethik geht von bestimmten normativen Grundprinzipien aus. Im Falle der Flüchtlingskrise ist hier der normative Individualismus gemeint, welcher zunächst einmal den Zuspruch von gleichem Recht und Würde für jeden Menschen unterstützt. Vereinfacht dargestellt folgt die Gesinnungsethik dem Gedanken, dass jeder Mensch gleichermaßen und bedingungslos Hilfe verdient. Problematisch an der Gesinnungsethik ist die damit verbundene Ausweitung der Fluchtgründe. Wenn man dem moralischen Gebot folgt, bedingungslos jedem Menschen gleichermaßen helfen zu müssen, entsteht ein slippery slope3, der letztendlich in Forderungen nach open borders mündet, die von einigen Gesinnungsethikern propagiert werden. Dem gegenüber stehen die Verantwortungsethiker, die nach langfristigen Auswirkungen und Ergebnissen des Handelns fragen und stärker pragmatisch, abwägend, ausgleichend und vor allem folgenorientiert denken.
Die Argumentationen der Flüchtlingsdiskussionen schwanken...

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