7. – 13. Schuljahr

Der besondere Text

Geld stinkt doch

Lektionen in Sachen Moral sind selten deutlich und klar
Sehr oft zeigt sich das Moralische an einer Sache, Situation oder Verhaltensweise nur in Verbindung mit Außermoralischem, so etwa Wahrhaftigkeit zusammen mit strategischen Überlegungen, Hilfsbereitschaft zusammen mit Nützlichkeitserwägungen, Güte zusammen mit Wohlstand, Wohlwollen zusammen mit Eigeninteressen. So kommt es auch, dass der jeweils zweite Teil der Verbindung schon als moralisch gelten kann man spricht dann von der Klugheit bzw. dem aufgeklärten Eigeninteresse als der Quelle der Moral bzw. jenem zweiten Teil die moralisch positiven Folgen gutgeschrieben werden, die eintreten könnten, wenn man den Forderungen von Strategie, Nützlichkeit, Wohlstand, Eigeninteresse folgt.
Außerdem ist es Usus geworden, die anthropologischen Grundlagen (der Mensch, der, nach Kant, »aus krummem Holz geschnitzt« ist) gegen die moralischen Forderungen auszuspielen, wobei letztere einem solchermaßen misslungenen Wesen dann als unzumutbar erscheinen, die, um ihnen Genüge zu tun, eine Selbstverleugnung oder Zwangsbekehrung voraussetzen, etwas, das man von niemandem verlangen könne oder erwarten dürfe. Hinzu kommt, dass es üblich ist, Handlungen und deren Folgen nicht moralischen Überzeugungen, sondern Sachzwängen oder äußerem Druck zuzuschreiben. Es fällt schwer, jemandem Handeln aus moralischer Einsicht zuzugestehen. Eher sucht man nach anderen Gründen. Das ist verständlich, weil das Moralische vorschnell und leichthin vorgeschoben wird, um andere, weniger ehrenhafte Maßstäbe zu verbergen.
Lektionen in Sachen Moral werden schnell ins Verbale verlagert
Lektionen in Sachen Moral lassen sich deshalb häufig in Vorhaltungen, Appellen, Erklärungen, prinzipiellen Begründungen, normativen Vorgaben und Vorschriften ausmachen. Das muss wohl so sein, wenn es an Wirklichkeiten fehlt, an deren scharfer ethischer Prägnanz man Maß nehmen kann. Die Wirklichkeit, an deren quantitativer und qualitativer Wirkungsmacht man dagegen nicht vorbeikommt, ist das Geld. Seine Effektivität lässt sich daran ermessen, dass sie sogar noch die des Ruhms zu übertreffen vermag; man lasse wählen, ob jemand gewillt ist, Ruhm und größtes Ansehen zu erlangen und dabei arm zu bleiben, oder ob er lieber ohne jegliche Reputation im Schatten der Gesellschaft lebte, dabei aber reich sein könne. Dieser wird hoffen, mit seinem Reichtum auch größtesAnsehen zu erwerben, während jener sich fragen mag, wozu ihm denn der Ruhm diene und ob er daraus Kapital schlagen könne. Die Überlegenheit des Geldes über die Moral zeigt sich deutlich an der Tatsache der Korruption, die ohne Sanktionen epidemische Ausmaße annähme und selbst mit dem Risiko der Todesstrafe (wie in China) zu den Üblichkeiten gehört, an die man sich gewöhnt hat.
Lektionen in Sachen Moral haben nicht selten mit Geld zu tun
Geld ist zum Sinnbild dessen geworden, worum es dem Menschen wirklich geht, und manche würden sagen, zu gehen hat. Denn an ihm hängt der Wert, gegen den sich so gut wie alles tauschen lässt, während man sich über das Gute, das man zu tun bereit ist, nicht weiter verbreiten darf, weil man schon dadurch in ein schlechtes Licht gerät. Man brüstet sich nicht seiner guten Taten.
Es heißt aber auch: Tue Gutes und rede darüber um andere zu animieren, es genauso zu machen. Der Tausch ist nicht zufällig das Thema der Ökonomie, unter dem Titel der Gabe auch das Thema einer ethisch motivierten, anthropologisch fundierten und ökonomiekritisch motivierten Soziologie.
Wie aber ist es mit den Armen, die doch immer noch den Großteil der Weltbevölkerung ausmachen? Weder mit Ruhm noch mit Geld können sie punkten. Was bedeutet für sie Moral? Nietzsche war der Auffassung, dass die Moral der Vielen, die der Armen und Ohnmächtigen, lediglich dazu dient, Druck zu entfalten, um selbst Macht auszuüben und im dahinfließenden Strom der gesellschaftlichen Schichten, in dem viele unterzugehen...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen