9. – 13. Schuljahr

Michael Schöngarth

Die Glücksmaschine wird digital

Das Smartphone als erweiterter Geist

Die Debatte um Nutzen und Schaden digitaler Medien, allgemein und insbesondere für den Unterricht, ist längst nicht abgeschlossen. Die hier vorgestellte Unterrichtsidee möchte einen konstruktiven Beitrag dazu leisten, indem sie mit zwei einfachen Gedankenexperimenten die Pauschalkritik an der digitalen Mediennutzung kritisiert und eine erweiterte Kritikfähigkeit von Schülerinnen und Schülern zu Smartphones im Unterricht zum Ziel hat.

Liest man im Sommer 2018 die Nachrichten zum Thema Smartphones und Nutzerverhalten, kann einem zunächst Angst und Bange werden. Viel zu lange am Gerät, viel zu häufig der Griff nach dem Gerät, Menschen voller Panik, die nach einem Abtasten der Jacken- und Hosentaschen ihr Gerät vermissen. Die beiden marktbeherrschenden Unternehmen, Google und Apple, reagieren mit neuen Updates ihrer Betriebssysteme auf diese Wahrnehmung, indem sie den Nutzern nun die Verweildauer am Smartphone bzw. pro Applikation rückmelden. Der Nutzer selbst kann darauf sogar Einfluss nehmen.1 Viele jugendliche Nutzer finden ihr Glück und mitunter auch Unglück in den sogenannten sozialen Medien. Ein gepostetes meist retuschiertes Foto bei Instagram verfolgt einen einzigen Zweck: Es soll durch die Rückmeldung von »Likes« aus dem persönlichen Freundesnetzwerk, Glücksgefühle lostreten.
Gleichzeitig tobt die Debatte um die Kriterien für eine Internet- oder Smartphone-»Sucht«. Neue Abhängigkeiten, so eine These, drohten, die Menschen in ein Stadium der digitalen Demenz zu führen.2 Die Modernisierung der Schulen, der selbstverständliche Einsatz von Smartphones oder Tablets, wird mit »bewahrpädagogischen Argumenten« wie »Pädagogik vor Technik« oder »Digital? Nur wenn der Mehrwert stimmt!« auf das nächste Jahrzehnt verschoben. Diese Argumente sind im besten Fall banal.3 Hin und wieder wird ein »zu viel« davor gesetzt, um deren Dürftigkeit zu verschleiern. Dabei weiß jedes Kind irgendwann aus Erfahrung, dass zu viel generell nicht gut ist, zum Beispiel auch bei Schokolade. Darauf darf die Erwachsenenwelt vertrauen.
Hinweise zur Unterrichtsgestaltung
1. Vorbereitende Sequenz: Gedankenexperiment 1
Mit M1 werden die Schülerinnen und Schüler in die Welt des »Erweiterten Geistes« geworfen. Das Material wird in vier Schritten nach und nach, etwa über QR-Code, auf den Smartphones der Schülerinnen und Schüler aufgerufen und mit den zwei Basisschritten im Unterricht besprochen:
A: Brainstorming zur aufgeworfenen These/Frage
B: Unsere Folgerungen/Konsequenzen in Thesenform
Die anschließende Aufgabe ist, zu einer der aufgeworfenen Konsequenzen ein ausdrucksstarkes Foto oder ein sehr kurzes Video mit dem Smartphone aufzunehmen. Geeignete Vernetzung der Unterrichtsumgebung vorausgesetzt, können die Ergebnisse dann auf dem Board projiziert werden, und die Mitschülerinnen und Mitschüler setzen sich damit auseinander.
Anschließend werden Vermutungen gesammelt, was das Gedankenexperiment zeigen kann und davon getrennt was es zeigen sollte.4 Die QR-Codes (M1 unten) führen die Schülerinnen und Schüler in Abhängigkeit von ihren Englisch-Kompetenzen entweder direkt zu den Erklärungen von David Chalmers (per Youtube) oder zum deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag Erweiterter Geist. Die sich anschließende Diskussion soll mit einem ersten provisorischen Urteil zur Theorie des »Erweiterten Geistes« beendet werden. Ihr Urteil veröffentlichen die Schüler auf der Diskussionsplattform #ExtendedMind auf Twitter.
2. Vertiefende Sequenz
Der Fragestellung »Ist die ganze Menschheit auf dem Weg in die Abhängikeit von einer elektronischen Geräteklasse?« können die Schülerinnen und Schüler nun mit einer »erweiterten Fragestellung«, nämlich der Frage nach dem »Erweiterten Geist« begegnen. Im nächsten Schritt wird dabei auch die Nutzererfahrung »Faszination Smartphone« hinterfragt, die auch in einer Art Metafunktion der Geräte zu...

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