5. – 13. Schuljahr

Patrick Baum

Digitaler Klimawandel

Digitale Medien im Ethik- und Philosophieunterricht1

Obwohl digitale Medien wie Smartphones oder Tablets selbstverständlicher Teil der jugendlichen Lebenswelt sind und als Lernmittel durchaus gewinnbringend genutzt werden können, ist der Unterricht in den Schulen weitgehend analog. Das liegt zwar auch an der fehlenden Ausstattung der Schulen, aber so die hier verfolgte These der eigentliche Grund für diese Abstinenz liegt tiefer: Das Arbeiten mit digitalen Medien, insbesondere mit Smartphones, hat immer noch einen schlechten Leumund, und es braucht ganz unabhängig von Ausstattungsfragen einen digitalen Klimawandelt, um die Potenziale zu heben.

Der massive gesellschaftliche Umwälzungsprozess, der mit dem Schlagwort »Digitalisierung« verbunden ist, hat unser Leben im Privaten wie in der Arbeitswelt nachhaltig verändert: Statt Papierkalender zu pflegen, tragen wir unsere Termine via Smartphone in Online-Kalender ein, die der Cloud sei dank sofort synchronisiert werden. Den Papierkalender gibt es im Einzelfall noch, aber er ist, selbst in Lehrerzimmern, anachronistisch geworden. Statt am Bankschalter Überweisungsformulare auszufüllen, machen wir Online-Banking. Und auch Medien, die aus dem Alltag nicht wegzudenken waren, wie Nachrichtenmagazine oder Tageszeitungen, merken schmerzlich, dass nicht wenige Leser ihre Nachrichten nicht mehr auf bedrucktem Papier konsumieren, sondern via Twitter oder Facebook erhalten aktuell und quasi in Echtzeit.
Zunächst ist mit Digitalisierung ja nur ganz harmlos gemeint, »dass sich alle möglichen Daten (Texte, Bilder, Töne, Videos) mit dem gleichen Alphabet, bestehend aus den beiden Zeichen 0 und 1, darstellen lassen«; diese einheitliche Darstellung erlaubt es, »alle Daten elektronisch in einem einzigen Gerät dem Computer zu speichern«2, diese dann automatisiert zu verarbeiten und miteinander zu vernetzen. Aber elektronische Speicherung, Automatisierung und Vernetzung sind keine rein technischen Optimierungen, die einfach an die Stelle der ›analogen‹ Prozesse treten, sondern haben dramatische Konsequenzen für unsere Selbst- und Weltverhältnisse. Martin Lindner hat dafür den Begriff des »digitalen Klimawandels«3 vorgeschlagen. Axel Krommer sieht in diesem Wandel gar einen Paradigmawechsel im Sinne Thomas S. Kuhns von der der Buchdruckkultur verpflichteten »Gutenberg-Galaxis« (Marshall McLuhan) zu einer noch in statu nascendi befindlichen »Turing-Galaxis« Wolfgang Cyo) der digitalen Kultur.4
Wann immer derart Bewegung in die Ordnungstrukturen kommt, mit Hilfe derer wir unsere Weltzugänge organisieren, lassen heilsgeschichtliche Erwartungen und apokalyptische Szenarien nicht lange auf sich warten: Der Computer und das Internet werden alles richten entweder zum Guten oder zu Grunde. Wenn solche »großen Erzählungen« im Sinne Jean-François Lyotards die Diskussion prägen, schlägt die Stunde der philosophischen Problemreflexion.5 In diesem Sinne ist Digitalisierung ein äußerst lohnender Lerngegenstand für den Philosophie- und Ethikunterricht, den Ethik&Unterricht ja auch bereits in zwei jüngeren Heften aufgegriffen hat.6 Aber der »digitale Klimawandel« ist nicht nur ein Lerngegenstand, den wir uns quasi unbeteiligt von außen ansehen können; er macht auch vor der Institution Schule nicht Halt, die folgt man Krommer zutiefst der Buchdruckkultur verpflichtet ist.
Digitale Medien in der Schule: SAMR und BYOD
Wenn nun die digitalen Medien, nicht zuletzt durch bildungspolitische Offensiven wie Gute Schule 2020 in NRW oder den vom Bund verantworteten Bildungspakt angeschoben, mit Macht in die Schule drängen, so begegnet ihnen mancher dort, durch die zuvor genannten »großen Erzählungen« eingestimmt, wahlweise mit großen Vorbehalten oder großen Erwartungen. Die einen warnen davor, dass Schule durch digitale Medien in ihrem Kern beschädigt wird und der Verlust wertvoller Primärerfahrungen sowie die Atomisierung...

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