5. – 13. Schuljahr

Axel Krommer

Philosophiedidaktik und digitale Medien

Eine kritische Bestandsaufnahme

Wie positioniert sich »die« Fachdidaktik Philosophie im Diskurs über zeitgemäße Bildung in den Einführungswerken und im Kernlehrplan? Wie berücksichtigt sie das Lernen und Lehren unter den Bedingungen der Digitalität? Konkret stellt sich die Frage, welche Rolle und Funktion digitalen Medien im Philosophieunterricht zugesprochen werden. Eine Antwort auf diese Frage hängt, wie sich bei einer Bestandsaufnahme zeigen wird, eng mit dem Verständnis des Begriffs »philosophischer Text« zusammen.

Spätestens seit dem KMK-Papier zur Bildung in der digitalen Welt1 ist klar, dass die Schule ihren Bildungsauftrag nur dann angemessen erfüllen kann, wenn sie sich als Institution auf vielen Ebenen (z.B. pädagogisch und curricular) mit der »digitalen Revolution«2 reflektiert und verantwortungsvoll auseinandersetzt. Die Gesellschaft für Fachdidaktik (GFD), der Dachverband der Fachdidaktiken in Deutschland, hat als Reaktion auf die KMK ein eigenes Positionspapier mit dem Titel Fachliche Bildung in der digitalen Welt veröffentlicht (GFD 2018).3 Ausgehend von der These, dass Unterricht immer Fachunterricht ist, wird aufgezeigt, welche spezifische Rolle die Fachdidaktiken im Kontext der Digitalisierung spielen bzw. spielen sollten.
Das Besondere: Kein Philosophiedidaktiker und keine Philosophiedidaktikerin hat an dem Papier mitgewirkt. Angesichts der philosophischen Potenziale, die mit dem digitalen Wandel verknüpft sind, muss das verwundern. Denn das Fach Philosophie ist in besonderer Weise dazu geeignet, über die Folgen des Paradigmenwechsels nachzudenken, der mit der Digitalisierung verbunden ist. Raum, Zeit, (personale) Identität, (Selbst-)Bewusstsein, Lernen, Wissen, Bildung, (künstliche) Intelligenz, Medien, Politik, Umwelt, Ethik: Das sind nur einige der Aspekte und Konzepte, die sich unter den Bedingungen der Digitalität4 zum Teil grundlegend wandeln. Die Schülerinnen und Schüler leben ganz selbstverständlich im Onlife und in der Infosphere5, das heißt in einer Welt, die maßgeblich durch (zumeist unsichtbare) Formen von Computertechnologie geprägt ist und in der die Unterscheidung zwischen online und offline nicht mehr greift.
Es stellt sich unmittelbar die Frage, wie sich die am GFD-Papier nicht beteiligte Philosophiedidaktik im Diskurs über zeitgemäße Bildung positioniert. Das soll durch einen Blick in Lehrpläne hier exemplarisch: den Kernlehrplan Philosophie für NRW und in die einschlägigen Einführungswerke untersucht werden, denen in diesem Kontext besondere Funktionen zukommen: Nach außen hin repräsentieren sie die wichtigsten Grundlagen der Fachdisziplin, auf einer subjektiven Ebene prägen sie als Initiations-Lektüre zumindest unterschwellig die Einstellung zur Philosophiedidaktik; und schließlich besitzen sie ähnlich wie Lehrpläne institutionellen Charakter, wenn sie im (Fach-)Seminar prüfungsrelevant werden.
In einem ersten Schritt soll gezeigt werden, dass die Rolle, die digitalen Medien in der Fachdidaktik Philosophie zugesprochen wird, eng mit dem Verständnis des Begriffs »philosophischer Text« zusammenhängt.
Philosophische Texte
Aktuelle linguistische Konzepte gehen von einem (konzentrisch) erweiterten Textbegriff aus, der Phänomene wie Interkodalität, Intermedialität und Intertextualität hinreichend berücksichtigt.6 Das wissen natürlich auch die Philosophiedidaktiker. Dennoch wird der Begriff »Text« zumeist auf unikodal-schriftsprachliche Artefakte bezogen. Das lässt sich exemplarisch an einem Zitat von Michael Wittschier belegen, der ganz sicher über jeden Verdacht erhaben ist, methodisch-didaktische Zugänge im Philosophieunterricht monomedial-verengt zu denken. Er schreibt: »Der Text ist und bleibt trotz aller technischen Innovationen und der zunehmenden Visualisierung unserer Kommunikation neben dem Dialog [...] das wichtigste Medium des Philosophieunterrichts.«7
Diese Feststellung ist deshalb...

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