9. – 11. Schuljahr

Patrick Baum

Big Data für Big Brother?

Unsere Daten zwischen Kundenbindung und sozialer Kontrolle

Der Handel mit Daten ist ein lukratives Geschäft, dem wir als Käufer, Internetnutzer oder auch Kommunikationspartner Futter liefern, oft ohne unser Einverständnis und Wissen. Noch weniger richten sich die Begehrlichkeiten totalitärer Überwachungsprogramme nach dem Einverständnis der datentechnisch Vermessenen. Es gehört zum Repertoire einer aufgeklärten Zeitgenossenschaft, sich zu solchen Szenarien zu verhalten und auf die Möglichkeiten der Verweigerung zu besinnen, auf die ein autonomes Subjekt zurückgreifen kann.

Wann immer wir uns mit dem Smartphone durch die Welt bewegen oder mit ihm telefonieren, wenn wir im Internet surfen und nach bestimmten Begriffen suchen, etwas bei Facebook »liken« oder bei einem Online-Händler kaufen (oder ansehen), entstehen Daten: Meta-Daten (wann habe ich von wo mit wem telefoniert), die »auf Vorrat« gespeichert werden, die Suchhistorie meines Browsers, Vorlieben, Dokumentationen meines Einkaufsverhaltens usw. Das ist nicht zu vermeiden nicht einmal durch vollständige digitale Abstinenz, denn über die eventuell vom Freundeskreis erfassten Daten wird man zumindest in Teilbereichen gewissermaßen ›miterfasst‹. Und vielleicht ist das auch nicht per se etwas Schlechtes. Diese Daten werden zur Personalisierung genutzt (»Kunden, die folgendes Produkt gekauft haben «), so erhalten wir maßgeschneiderte Angebote und werden vielleicht sogar auf Dinge aufmerksam, die uns sonst entgehen würden; die Suchergebnisse werden ausgewertet, um uns bessere, passendere Ergebnisse für unsere Interessen zu liefern.
Natürlich stehen dahinter auch die Interessen der Firmen, die mit diesen Daten unseren Konsum beflügeln wollen oder diese Daten en gros weiterverkaufen; das Ziel ist die »Entschlüsselung des ›Kunden-Genoms‹ die Zusammenführung sämtlicher Daten wie Alter, Geschlecht, Größe, Gewicht, Bildung oder Hinweise zur Gesundheit, Kaufinformationen mit dem Zahlungsverhalten, also die Integration der Informationen verschiedenster Unternehmen«1. In den USA ist diese Praxis erlaubt, in Deutschland bislang noch verboten. Jenseits der Erstellung persönlicher Profile werden die gesammelten Daten aber auch einer »Zweitverwertung« zugeführt, bei der »neue Einsichten in gesellschaftliche, ökonomische oder politische Sachverhalte« gewonnen werden können durch die »nutzerorientiert aufbereitete Darstellung von aus großen Datenbeständen generierten Mustern«2. Diese maschinelle Datenanalyse wird mit dem unterdessen weit verbreiteten Schlagwort Big Data bezeichnet.
Manipulative Potenziale von Big Data
Big Data ist ein höchst ambivalentes Phänomen mit nicht zu unterschätzender gesellschaftlicher ›Sprengkraft‹; einerseits ermöglicht der Rückgriff auf diese Datenbestände »wirklichkeitsnähere Planungen und effizientere Abläufe in Organisationen sowie einen sinnvolleren Einsatz von Ressourcen«3, andererseits ist es aber auch möglich, »kontextübergreifend zeitliche Abläufe und digital erfasste Profile über Aufenthaltsorte, Sozialkontakte, Konsum Verhalten, Interessen, Gesundheit usw. zu erstellen«4, die prognostisch, aber auch zur Manipulation der erfassten Personen eingesetzt werden können. Was als ein dystopisches Szenario erscheint, wird andernorts namentlich in China schon vorbereitet: Bis zum Jahr 2020 soll in der Volksrepublik ein im Kleinen bereits erprobtes Social Credit System eingeführt werden, auf dessen Basis die Regierung »die Aufrichtigkeit ihrer Bürger belohnen und Unaufrichtigkeit sanktionieren«5 will Big Data als Grundlage für volkserzieherische Maßnahmen durch den Big Brother.
Sicher, ein umfassendes staatliches Überwachungsprogramm wäre hierzulande aufgrund der Gesetzeslage bis dato nicht möglich, und dennoch lassen sich auch in den USA, Vorreiter in Sachen Datenkapitalismus, in Ansätzen ›chinesische Verhältnisse‹ beobachten, die über kurz oder lang auch in Deutschland...

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