9. – 9. Schuljahr

Stefan Barz

Das Ich als Netzeffekt?

Anonymisierung und Vermassung im Internet

Gefährdet die zunehmende Vernetzung das autonome Selbst oder ist das Ich auch schon vor-digital immer schon nur als vernetztes zu denken und Vernetzung somit konstitutiv für die Identität? Dieser Frage gehen die Schülerinnen und Schüler nach und ergänzen die Auseinandersetzung um einen medienkritischen Aspekt: Wie viel von uns selbst geben wir eigentlich in der digitalen Welt preis und mit welchen Konsequenzen?

Das Internet gibt dem Menschen heute die Möglichkeit, sich weiträumig zu vernetzen und sein Ich im Netz neu zu erfinden insbesondere soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram bieten diese Möglichkeiten, die von nicht wenigen Jugendlichen genutzt werden. Gleichzeitig werden im Zuge der digitalen Vernetzung des Individuums Schreckensszenarien heraufbeschworen.
Vernetzung und Überwachung
Eine solche düstere Zukunftsvision hat der 2014 verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher vor einigen Jahren in seinem Aufsatz Das Armband der Neelie Kroes entworfen: Ausgangspunkt ist eine Ansprache der EU-Kommissarin Neelie Kroes über das Thema Gesundheit, bei der die Europapolitikerin plötzlich auf ein elektronisches Armband an ihrem Handgelenk zeigt, mit dem Bewegung, Fitness und diverse andere körperliche Funktionen gemessen werden. Schirrmacher blickt äußerst skeptisch auf die möglichen Folgen einer solchen Vernetzung von Mensch, Technik und Politik. Letztendlich befürchtet er durch eine solche Vernetzung eine totale Überwachung der Gesellschaft und den Verlust der Autonomie.1
Das Selbst als Effekt von Vernetzungsstrategien
Dem widerspricht der Medienwissenschaftler Stefan Münker: Zwar beginnt Münker seinen Aufsatz Das Ich als Netzeffekt ebenfalls mit einer düsteren Vision der Dystopie des Borg-Kollektivs aus dem Star Trek-Universum, bei dem der Einzelne im biokybernetischen Netz der Borg nicht mehr zählt.2 Jedoch relativiert Münker die Kritik an der digitalen Vernetzung mit einer interessanten Ausgangsthese: Das Selbst ist nach Münker nämlich a priori schon ein Effekt vorgängiger Vernetzungsstrategien, und zwar nicht nur digitaler Vernetzungen, sondern auch biologischer und sozialer. Mit anderen Worten: Das Ich ist ein Netzeffekt, denn das Selbst ist immer schon in vernetzte Strukturen eingebunden. Mit diesen stößt das Ich an intrinsische Grenzen, etwa durch das Unbewusste oder durch biochemische Prozesse im Gehirn, die die Autonomie des Ichs einschränken, und an extrinsische Grenzen durch den Anderen, ohne den das Ich nicht sein kann, durch die Intersubjektivität der Sprache und durch die Bestimmung des Menschen als zoon politikon. Dennoch, so Münker, ist das Ich durch diese Bedingungen nicht nur ein Netzeffekt, denn es kann die Bedingtheit durch Vernetzung auch autonom und konstitutiv nutzen, indem das Ich innerhalb der Netzeffekte Wahlmöglichkeiten hat und seine eigene Identität inszeniert als prägnantestes Beispiel führt Münker hier das Experimentieren mit der medialen Selbstdarstellung in virtuellen Welten auf, das auch identitätsstiftend sein kann.
Die Netzkultur wirft also mindestens zwei philosophisch relevante Fragen auf: Wieviel von uns selbst geben wir eigentlich in der digitalen Welt preis und mit welchen Konsequenzen? Und inwiefern entspricht die Identität, die der Mensch im sozialen Netzwerk von sich entwirft, noch dem eigenen Selbst? Oder wie Münker das Grundproblem des Phänomens »Netzeffekt« formuliert: »Wenn die biologische und soziale Natur des Menschen die Konstitution seines Selbst als Effekt vorgängiger Vernetzungsstrategien aufweist wie soll dieses Selbst sich dann als ein individuelles und eigenständiges Ich verstehen können?«3
Vernetzung im Unterricht
Für den Ethik- und Philosophieunterricht lässt sich die Frage nach dem Ich als Netzeffekt an verschiedene Inhaltsfelder im Lehrplan anschließen. Im NRW-Fach Praktische Philosophie (PP) finden sich dafür zum Beispiel im...

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