5. – 13. Schuljahr

Stefan Höltgen

Eine Archäologie des Internets

Netzdenken, Hacking und Partisanentum

Der Artikel geht an die Anfänge des Internets zurück und nimmt seine Pioniere und Partisanen, die ersten Hacker, in den Blick, die als die Urahnen heutiger Social Media gelten können. Diese lassen sich letztlich zurückführen auf den digitalen Nachfolger eines Schwarzen Brettes in einem Plattenladen in Berkeley, Kalifornien, Ende der 1970er-Jahre.

Es heißt, neue Technologien werden nicht einfach erfunden; die Notwendigkeit ihrer Entstehung »liegt in der Luft«. Anders wäre es kaum zu erklären, dass Erfindungen wie der Film, das Telefon und der Computer zur selben Zeit an ganz unterschiedlichen Enden der Welt von Menschen gemacht wurden, die nichts voneinander wussten. »Das Netz«, wie wir es heute kennen und nutzen, war ebenfalls eine solche Technologie, die allerdings nicht bloß in Apparaten, sondern vor allem auch in Denkstrukturen, Kriegstaktiken und ganz zufällig sogar in der Geburt eines Hackers in die Welt gekommen ist.
Am Anfang stand das Netz
Es war im Frühjahr des Jahres 1963 am Bostoner MIT: J.C.R. Licklider, Miterfinder der Künstlichen Intelligenz und eines der ersten Time-Sharing-Systeme, wurde zum Leiter der Advanced Research Projects Agency (ARPA) ernannt. Dort überzeugte er seine Kollegen von der künftigen Notwendigkeit eines Netzes, das, anders als das Telefonnetz, nicht mehr hierarchisch organisiert war, sondern »vermascht«, sodass der Ausfall eines Netzknotens nicht mehr den Zusammenbruch aller von ihm abgehenden Verbindungen bedeuten musste.
Bereits ein Jahr zuvor hatte die US-amerikanische Luftwaffe ein solches Netz theoretisch konzipiert. Nun war es an Licklider und seinen Kollegen, diese Idee zu implementieren. Das aus diesen Forschungen hervorgegangene ARPA-Net wurde zum direkten Vorläufer des heutigen Internets und verband zunächst einige Universitäten der Ost- und Westküste miteinander. »Online« ging es schließlich 1969, nachdem die Universitätscomputer mit der dafür notwendigen Peripherie und Software versorgt waren (wozu auch das Packet-Switching-Protokoll für den Anschluss der Rechner ans Telefonnetz gehörte).
Damit bestanden nun zwei Kommunikationsnetze parallel ein digitales für die maschinelle und ein analoges für menschliche Kommunikation, die einander nach und nach notwendigerweise durchdringen mussten. Denn um die Kommunikation von Rechnern, die nicht direkt ans ARPA-Net angeschlossen waren, mit denen darin zu ermöglichen, gaben jene schon bei Whirlwind eingesetzten Modems den Weg aus dem Telefon- ins Rechnernetz frei. Mit der Ausweitung des ARPA-Net kamen mehr und mehr telefonische Einwahlstellen hinzu. Das Telefon näherte sich zudem auch technologisch immer mehr dem ARPA-/Internet an, indem es seine Bandbreiten erhöhte, eigene digitale Netze ausbildete (ISDN) und für die Computer-Kommunikation sogar das Packet Switching einführte. Ende der 1980er-Jahre konnte das ARPA-Net deaktiviert werden, weil seine teilnehmenden Rechner mittlerweile ans Internet angeschlossen waren.
Phone Phreaking und Hacking
Ebenfalls 1963, als sich die MIT-Studenten Bill Gosper und Richard Greenblatt am Artificial Intelligence Lab unter John McCarthy und Marvin Minsky längst ihren Ruf als Gurus für maschinennahes Programmieren und philosophisch-mathematische Durchdringung des Computers erworben hatten, bekamen sie durch den Studienanfänger Stewart Nelson Schützenhilfe. Nelson konkretisierte und radikalisierte ein Konzept, das bereits zuvor die Grundbewegung des Hacking gewesen ist: Die Eroberung des Raums; zunächst nicht des virtuellen, sondern des realen Raums, zum Beispiel eines Raumes, in dem ein Computer steht vorzugsweise ein fremder Computer!
Nelson programmierte die Tonausgabe des Minicomputers PDP-1 so, dass genau jene Frequenzen wiedergegeben wurden, die über die Campus-Telefonleitung übertragen werden konnten. Dazu konstruierte er einen Akustikkoppler aus...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen