5. – 13. Schuljahr

Kolumnen

Ethik und Philosophie in der Literatur: John von Düffel: Klassenbuch (2017)
John von Düffels 2017 im Dumont Verlag erschienener Roman Klassenbuch ist so könnte man sagen ein Roman über die Leiden der jungen Netz-Nutzenden und eine Reflexion über die Folgen von alltäglicher in die Lebenswelt ragender Vernetzung. Für wen ist von Düffels Roman Klassenbuch geschrieben? Für Lehrerinnen und Lehrer, die endlich ihre Schüler verstehen wollen, für Schülerinnen und Schüler, die ihre Probleme endlich zur Sprache gebracht sehen möchten?
Denn es geht nicht um Wiedergabe authentischer Netz-Nutzungen, wie ein Missverständnis des Romans sein könnte. Vielmehr entwickelte von Düffel den Stoff im Laufe eines Projekts des PEN-Clubs mit Jugendlichen, in dem diese ihre Themen als Denk- und Schreibanstoß an den promovierten Philosophen und Dramaturgen des Deutschen Theaters Berlin von Düffel weitergaben, sodass er sie sich zu Herzen nahm. Dabei konnte er das Goethesche Tasso-Motto von 1807 »Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt/ Gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide« weitertreiben in die Moderne des Jahres 2017: »Und wenn der jugendliche Netz-Nutzer in seiner Qual verstummt/ Gab ihnen ein Romanautor in seinem Roman die Gelegenheit, zu sagen, was sie leiden.« Und gibt so kulturkritisch interessierten Leserinnen und Lesern die Chance, einen spannenden Roman zu lesen.
Realität und Virtualität
Am Beispiel von neun Jugendlichen zeigt von Düffel auf, wie unterschiedlich die Suche nach der Identität sowie die Vermischung von Realität und Virtualität im digitalen Zeitalter ablaufen und welchen Einfluss die digitalen kleinen Helfer des Alltags, wie zum Beispiel das allgegenwärtige Smartphone, haben können. Die neun jugendlichen Ich-Erzähler gehören zu einer Lerngruppe, besuchen eine Klasse oder einen Kurs der Einführungsphase. Sie haben zusammen wenn sie nicht gerade schwänzen Deutschunterricht bei Frau Nicole Höppner. Die ist für sie und das steigert sich im Verlauf des Romans das einzige Zentrum ihres Lebens, sie fühlen sich von ihren Eltern und der Welt alleingelassen, vor allem auch in der Datenwelt, in der sie passiv oder aktiv leben und die damit einen Großteil ihrer Existenz ausmacht.
Frau Höppner versteht die Jugendlichen zu packen, indem sie ihnen bei Schulbeginn nach den Sommerferien als Aufgabe einen Essay zur Fabel von der Grille und der Ameise gibt. Jede und jeder Einzelne sehen sich hier herausgefordert, aus der eigenen Perspektive die Moral von der Geschicht zu entfalten. Dieses Roman-Setting ist sicherlich ein Glücksfall, weil es selbstreferenziell von Schülerinnen und Schülern, aber eben auch von schülerorientierten Lehrerinnen und Lehrern und nicht nur diesen gelesen werden kann unter den Fragen:
  • Was ist Unterricht?
  • Wie ist ein Unterricht, der die Aufmerksamkeit gewinnt?
  • Wie kann die antike Fabel die Reflexion aktueller Lebensentscheidungen anstoßen?
Schule des Lebens
Diese Schülerinnen und Schüler leben unterschiedliche Leben, in einem Klassenzimmer. Als ihre Lehrerin verschwindet, suchen sie sie in ihrer je eigenen Weise, jeweils in einer ihrer Wirklichkeiten durch digitale Möglichkeiten, die sie bis an die Grenzen und Ränder der Netz-Welt-Generation im doppelten Sinne ausschreiten.
So beginnt beispielsweise die Figur Emily als Netzaktivistin und findet sich schließlich in einer Burnout-Klinik wieder, Vanessa, die mit ihrer realen Existenz (Gewichtsprobleme) unzufrieden ist, erschafft sich eine digitale Ersatzexistenz (Sportskanone »Nina«) und Henk schließlich wird von seinem Klassenkameraden Lennart »gehackt«, das heißt, Lennart gewinnt die elektronische Kontrolle über Henks Smartphone und kontrolliert damit dessen digitale Existenz, indem er Henks digitale Präsenz, seinen Avatar, Provokationen ins Netz schicken lässt; Henk empfindet diese digitale Fremdbestimmung nach einiger Zeit nicht mehr als störend, sondern erkennt ihre Zwangsläufigkeit an.
In...

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