10. – 13. Schuljahr

Bianca Schreiber

Miteinander-vernetzt-Sein

Zur Artikulation von Gefühlen und Stimmungen in der WhatsApp-Kommunikation

Karl Löwiths Analyse des Miteinander-Seins als Miteinander-Sprechen wird zur Grundlage für die Reflexion über die Artikulation von Gefühlen und Stimmungen per WhatsApp. Dabei offenbaren sich die Chancen, aber auch die Grenzen der digitalen Kommunikation.

Miteinander-vernetzt-Sein
Für Jugendliche hat die digitale Vernetzung mit Gleichaltrigen einen großen Stellenwert. So nutzten 2015 84 Prozent der 14- bis 19-Jährigen in Deutschland täglich Instant-Messaging-Dienste1, besonders um Fotos zu versenden, sich zu verabreden und private Nachrichten an Freunde zu verschicken.2 Deshalb sollten Smartphones, auch wenn sie aus dem Unterricht vieler Schulen verbannt sind, doch als Gegenstand der Auseinandersetzung Berücksichtigung finden. Der Ethikunterricht kann dabei einen Beitrag zur Medienerziehung im Sinne eines reflektierten Umgangs mit Medien leisten. Dazu gehört etwa die Auseinandersetzung mit Bedingungen und Konsequenzen der medialen Lebensgestaltung. Die hier zusammengestellten Materialien können für Unterrichtseinheiten zum Thema Medienethik, Verantwortung in sozialen Beziehungen oder Freundschaft genutzt werden.
Was ist besonders an der WhatsApp-Kommunikation?
Bedingungen für die Vernetzung mit anderen über einen Instant-Messaging-Dienst sind der Besitz eines Smartphones, das Herunterladen einer entsprechenden App (z.B. WhatsApp) und eine Internetverbindung. Genutzt werden Instant-Messaging-Dienste für Verabredungen, Erkundigungen, Bitten, Informationen und Glückwünsche. Allerdings stellen Wyss und Hug heraus, dass der hohe Anteil an scheinbar unwichtigen und belanglosen Informationen, die versendet werden, auch einen Zweck erfülle nämlich den der Beziehungspflege.3
Schon allein die vielen verfügbaren Emojis verweisen darauf, dass das Ziel der Kommunikation nicht nur im Austausch von Informationen besteht, sondern auch Gefühle und Stimmungen zum Ausdruck gebracht werden. Für die Kommunikationsforschung ist die WhatsApp-Kommunikation aufgrund der multimodalen Gestaltungsangebote wie Emoticons, Piktogrammen, Fotos, Videos und Audios von Interesse, da sie die Dichotomie einer Sprache der Nähe (gesprochen) im Unterschied zu einer Sprache der Distanz (geschrieben) aufweichen.4 So weist Arens darauf hin, dass Fotos und Videos »eine Art Gemeinschaftsgefühl und Partizipation an den Aktivitäten des Anderen schaffen und somit räumliche Distanz überwinden«5. Beispielsweise kann eine Situation im Video nacherlebt werden und die Gefühlsreaktion darauf kann durch Emoticons, Iterationen und Interpunktion artikuliert werden. Damit werden die Expressivität und Affektivität in der schriftlichen Kommunikation gesteigert. Außerdem macht das Medium es möglich, dass Produktion und Rezeption oft unmittelbar aufeinander folgen und eine schnelle direkte Rückkopplung möglich ist. Aus diesem Grund wird auch von einem »Momentum der Simultaneität bzw. einer »quasi synchronen Situation«6 gesprochen.
Auch wenn der WhatsApp-Kommunikation ein großer Grad an Nähe zugesprochen wird, besonders aufgrund der Möglichkeit zur Darstellung von Affekten, kann eine phänomenologische Untersuchung des Miteinandersprechens von Karl Löwith zeigen, dass es im Hinblick auf die Expressivität von Gefühlen und Stimmungen deutliche qualitative Unterschiede zwischen einem Gespräch und einer Smartphone-Kommunikation gibt.
Miteinander-vernetzt-Sein vs. Miteinandersprechen bei Karl Löwith
Die Texte Karl Löwiths werden in Lehrwerken für die Fächergruppe Philosophie/Ethik noch wenig berücksichtigt.7 Das ist sicherlich auf seine nicht ganz einfache Sprache zurückzuführen. Dennoch bietet sich besonders zum Thema Soziale Beziehungen eine Auseinandersetzung mit ihm an. Die Bedeutung von Löwiths Habilitationsschrift Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen aus dem Jahr 1928 sieht Giovanni Tidoni in der Entfaltung des Menschen...

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