5. – 13. Schuljahr

Patrick Baum

Netze und Netzwerke

Das Zeitalter der Vernetzung und die Frage digitaler Mündigkeit

Die hier skizzierten Überlegungen entfalten sich in drei Schritten: Zunächst geht es darum, den Menschen genuin als sich vernetzendes Wesen zu charakterisieren, um dann die Spezifika des Zeitalters der Digitalisierung herauszuarbeiten. Die werfen dann ihrerseits die Frage danach auf, was man unter diesen Bedingungen unter »Mündigkeit« verstehen könne. Und wie könnte eine digitale Mündigkeit gefasst sein?

Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.
Immanuel Kant1
Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel2
Überlegungen über Netze und Netzwerke, über die zunehmende Digitalisierung unserer Lebenswelt, mit Zitaten philosophischer Klassiker zu beginnen, mag selbst in einer philosophiedidaktischen Zeitschrift merkwürdig anachronistisch anmuten. Was können uns Kant und Hegel über unsere digitale »Gesellschaft 4.0«3 sagen, deren Umwälzungen selbst wir Zeitgenossen analytisch noch nicht recht erfassen können? Ich meine: Sowohl Kants vorsichtige Einschätzung der Wirkmächtigkeit des damaligen buzz word »Aufklärung« als auch Hegels Mahnung, das Ganze und nicht nur atomisierte Teilbereiche in den Blick zu nehmen, sind wertvolle Fingerzeige beim Nachdenken über unsere vernetzte Gesellschaft und die heute mit ihr verknüpften buzz words.
Der Mensch als Netz-Lebewesen
Wo der Mensch ist, vernetzt er sich auch. Das ist gar kein Novum auch wenn es im Zeitalter der Digitalisierung und allseitigen Vernetzung besonders augenfällig wird , sondern eigentlich ein sehr alter Gedanke. Schon Aristoteles ist, bei Licht besehen, ein Netzwerkdenker, betrachtet er den Menschen doch als zoon politikon, als Gemeinschaftswesen, das diese Gemeinschaft überhaupt erst etablieren kann dadurch, dass es sich vernetzt. Möglich wird diese Vernetzung wiederum dadurch, dass der Mensch ein zoon logon echon ist, ein Wesen, das qua Sprache bzw. Vernunft in Austausch treten kann. Nicht erst als digital native, sondern schon immer ist der Mensch, wie Hartmut Böhme es ausdrückt, »Netz-Lebewesen«4.
Als solches steht er immer schon nolens volens in Netzbeziehungen, knüpft selbst solche Strukturen, etabliert Netzwerke oder schließt sich vorhandenen an. Die Trennung zwischen »Netz« und »Netzwerk« ist eine heuristische: Was dem einen als Netz erscheint, in dem er vielleicht sogar im wörtlichen Sinne oder im übertragenen »gefangen« ist, mag für jemand anderen ein Netzwerk sein, das er knüpft oder mitgestaltet. Sebastian Gießmann versteht unter Netzen »Objekte, die in diagrammatischer Form repräsentiert werden«, während Netzwerke demgegenüber eine »relationale kulturelle Praxis«5 konstituieren; das Netz rückt als Ganzes in den Blick, ist als Diagramm darstellbar, das Netzwerk tritt als Ordnung von Knotenpunkten und dadurch sich bildenden Maschen auf, die etwas festhalten oder durchlassen, je nachdem, wie diese Praxis inhaltlich (d.h. durch ein Protokoll) ausgestaltet ist.
Obwohl Netzwerke unser Leben in nahezu allen Bereichen durchdringen, bleiben sie wie Hartmut Böhme hervorhebt merkwürdig unsichtbar: Dort, wo Netzwerke uns als Infrastruktur begegnen, sind sie meist verdeckt und verborgen; wer möchte schon alle Versorgungsleitungen in Haus und Wohnung immer vor sich sehen? Aber »auch dort, wo wir Teilelemente von Netzen ›sehen‹ können, z.B. einen Bahnhof oder einen Autobahnknotenpunkt, ›sehen« wir keine Netze«6. Diese ubiquitären, aber meist unsichtbaren Netze sind vielleicht gerade deswegen »Wirk-Mächte ersten Ranges«, weil sie »die Skripte oder Programme zum Laufen oder in Fluss bringen, nach denen Zivilisationen sich einrichten und entwickeln«7. Im Rückblick zeigt sich diese Wirkmacht etwa in der Rolle, die Versorgungsnetzwerke wie das Trinkwassernetz oder das Eisenbahnnetz bei...

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