5. – 13. Schuljahr

Patrick Baum

Persönliche Lernnetzwerke

Die Zukunft der Schule?

Die Vision, dass jeder Schüler und jede Schülerin mit einem individuell zugeschnittenen persönlichen Lernnetzwerk kurz: PLN arbeiten könnte, weckt die unterschiedlichsten Fantasien, von der Abschaffung der Unterrichtsanstalt Schule, wie wir sie heute kennen, bis hin zu der Vorstellung von lauter Vereinzelten, die wie Monaden um sich selbst und ihre überschaubaren Inhalte kreisen. Aber was ist ein PLN eigentlich genau? Und wo sind die Chancen, aber auch die Grenzen eines solchen Angebots auszumachen?

Digitale Bildung wird häufig zumal von ihren Apologeten in strengem Gegensatz zu schulischer Bildung in ihrer traditionellen Form entworfen. Exemplarisch sei die Position von Lisa Rosa, Lehrerfortbildnerin in Hamburg und engagierte Verfechterin eines neuen Lernverständnisses, dargestellt1: Schule als Institution sieht sie dem Lernverständnis des Buchdruckzeitalters verpflichtet, das sie wie folgt charakterisiert: »lehrerzentriert belehrend systematisch objektivistisch dekontextualisiert allein festliegendes Ergebnis vorgegebene Bedeutung«. (Dass diese Charakterisierung holzschnittartig ist und vielleicht auch schulischem Lernen, so wie es heute mittlerweile stattfindet, nicht ganz gerecht wird, würde wohl auch die Autorin eingestehen. Es geht eben um Zuspitzung zur besseren Konturierung.) Diesem Modell stellt sie das »Lernverständnis des digitalen Zeitalters« entgegen, das sie auf jeder Ebene als deutlichen Gegenentwurf versteht; digitales Lernen ist »lernerzentriert« und »erforschend«, »perspektivisch« und »kontextualisiert«, das Lernen findet »im Austausch« statt und ist prinzipiell »ergebnisoffen«. Statt auf vorgegebene Bedeutung ist es auf »persönliche[n] Sinn« orientiert.
Digitale Bildung an analogen Schulen
Dieses Lernverständnis stößt in einer auf Lehrgangsunterricht angelegten Schule natürlich auf zahlreiche institutionelle und zum Teil strukturelle Schwierigkeiten, die etwa der Lernerzentrierung im Klassenverband enge Grenzen setzen. Hier verspricht die digitale Bildung Abhilfe, denn die (kompetente) Nutzung von social media kann so die Hoffnung quasi als Alternative zur Institution Schule ein persönliches Lernnetzwerk (PLN) etablieren, das Lernprozesse nach diesem Lernverständnis ermöglicht. Ein solches PLN ist zunächst »ein informelles Netzwerk«, das »aus den Bezugspersonen [besteht], mit denen ein Lerner in seinem Lernprozess interagiert«2. Digitale Medien erlauben es natürlich, den Kreis dieser Bezugspersonen massiv auszuweiten. Ein solches PLN ist quasi automatisch lernerzentriert, denn es wird ja durch den Lerner selbst erst erzeugt (und jeder Lerner hat sein eigenes PLN) und erlaubt hoch individualisierte Lernprozesse.
Lisa Rosa orientiert sich zur Kategorisierung der Elemente eines persönlichen Lernnetzwerks an den drei Elementen des Lernprozesses, die der russische Lernpsychologe Lew Vigotskij unterscheidet: »Die Notwendigkeit für gelingendes Lernen erstens zu interiorisieren, also Wissen zu verinnerlichen, zweitens zu exteriorisieren, also das eigene Verständnis einer Sache in Artefakten zu vergegenständlichen, um es sich als Lerngegenstand 2. Ordnung vor Augen halten zu können, und drittens zu kommunizieren3 In einem PLN hier paraphrasiere ich eine an dieser Stelle eingefügte Grafik von Lisa Rosa gibt es also Kanäle (d.h. Bezugspersonen), die dabei helfen, Sachverhalte bzw. Wissen erst einmal zu sammeln und zu verarbeiten (interiosieren), dann später das so Gesammelte und Verarbeitete im eigenen Verständnis nach außen zu tragen (exteriorisieren), um dann darüber mit anderen in Austausch zu treten (vernetzen, teilen, zusammenarbeiten, kommunizieren).
Beispiel-PLN
Wie könnte nun ein digitales PLN aussehen? Ich nehme mein eigenes PLN, das eines im öffentlichen Schuldienst arbeitenden Lehrers und Fachleiters, zur Illustration: Die Kanäle, durch die ich Informationen beziehe, sind...

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