10. – 13. Schuljahr

Markus Pfeifer

Vom Netzwerk im Dorf zu digitalen Netzwerken

Potenziale und Kritik eines Phänomens

Auch wenn die Phänomene des Netzwerk und der Vernetzung konstitutiv sind für den Menschen als soziales Wesen, kann die »Metapher des Netzes« als Kennzeichen des digitalen Zeitalters verstanden werden. Aus einem Vergleich lokaler und digitaler Netzwerke kann sich ein Impuls für gesellschaftliche Veränderungen ergeben, insbesondere der Stärkung durch die Digitalisierung gefährdeter demokratischer Strukturen.

Gewaltausbrüche in den französischen Banlieues, aufkeimende Fremdenfeindlichkeit in vielen europäischen Staaten und heftige Kritik an der Globalisierung können als Symptome einer fortschreitenden Heimatlosigkeit der Individuen gelesen werden, die sich ihrer Kultur nicht mehr verbunden fühlen.1 »Ihr erlebt einen Moment der Krise, welche die letzten Reste der Tradition zerstören wird«2, prophezeit Alain Badiou, indem er sich an die Jugend richtet. Aus dieser Diagnose entspringt die »Metapher des Netzes« als Kennzeichen unserer Zeit. Es besteht nur noch eine lockere Verbindung isoliert bleibender Individuen, die sich nicht in tiefer Freundschaft verbinden, sondern als »Kumpel« oder »Kollege« nur noch lose interagieren.3 Daraus erwächst die Gefahr weiterer Konflikte und zudem auch das Bedürfnis, sich wieder heimisch fühlen zu können, wieder eine Identität zu haben.
Jürgen Wiebicke erkennt darin die Ursache für das Aufkeimen der Rechten und Nationalisten: »Die AfD setzt auf Retro und stellt wieder Volk und Nation ins Schaufenster.«4 Andererseits aber setzt diese Krise auch Kräfte frei, die wieder auf echtes Zusammenleben und Zusammenarbeiten setzen. So sind es gerade die Problemviertel, in denen in beneidenswerter Weise noch Gemeinschaften bestehen5 und es noch Zusammenhalt6 gibt. Diese Tendenzen zu befördern, bedeutet, solche Strukturen in Netzwerken zu festigen und somit gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen.7
Hinweise zur Unterrichtsgestaltung
Die Unterrichtssequenz ist dreigeteilt. In einem ersten Schritt erfolgen die Problemeröffnung und das Herausarbeiten der Vor- und Nachteile lokaler sowie digitaler Netzwerke. Da digitale Netzwerke auch die Freiheitsrechte des Einzelnen gefährden, erfolgt in einem zweiten Schritt eine Güterabwägung zwischen Privatsphäre und Sicherheit. Zum Abschluss sind die Erkenntnisse zu bündeln, indem die Potenziale aller Positionen zur Stärkung der Demokratie zusammengedacht werden.
Sequenz 1: Vom Netz zum Netzwerk (M1 ) lokale und digitale Netzwerke
Der Einstieg in die Unterrichtssequenz erfolgt über eine Auseinandersetzung mit der Diagnose des gegenwärtigen Zusammenlebens in Der kommende Aufstand: Ehemals feste, Sicherheit und Geborgenheit stiftende Strukturen hätten sich gelöst und ließen damit die Menschen heimatlos wie Fremde in der eigenen Lebenswelt erscheinen, da die neue Lebens- und Arbeitswelt die Menschen zunehmend mobilisiere und felxibilisiere. Vorgeschlagen wird der Begriff des Netzes, um die neu entstandenen Verhältnisse zu umschreiben, in denen die Menschen nur noch in losen, lockeren Wechselbeziehungen miteinander stehen, statt in gewachsene etablierte Gemeinschaftsstrukturen hineinzuwachsen. Der Freund wird zum buddy, wie man ihn aus sozialen Netzwerken kennt.
Damit ist der Problemaufriss erfolgt, aus dem sich die Frage ergibt, wie sich das Zusammenleben stärken und neu ordnen lasse. Anders formuliert: Wie lassen sich aus den locker geknüpften Netzen starke Netzwerke bilden, die über feste Knotenpunkte und Verknüpfungen verfügen. Thematisch knüpft Jürgen Wiebicke mit seinen Vorschlägen zur Rettung der Demokratie genau bei dieser Fragestellung an. Nicht nur für ihn, sondern auch für die Gestaltung der gesamten Unterrichtssequenz, ist dabei die Einsicht leitend, dass die Zusammenführung von Menschen in Netzwerken zugleich eine Stärkung oder Neubelegung demokratischer Strukturen bedeutet. Die Frage nach der Bildung von Netzwerken kann...

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