10. – 13. Schuljahr

Sven Anton Klose

Wenn (m)eine Hand die andere wäscht

Überlegungen zu einer Ethik des Klüngelns

Gegenseitige Gefälligkeiten, Cliquen und das berühmte Vitamin B kennt jeder, doch wie funktionieren diese Strukturen eigentlich, zumal wenn sie in der komplexen Erscheinungsform des Netzwerkes auftreten? Anhand ausgewählter Theorien sollen hier die Mechanismen deutlich und so für eine kritische Reflexion zugänglich gemacht werden.

Dass Menschen sich immer schon wechselseitig helfen mussten, um ihr Überleben zu sichern, dürfte als anthropologische Grunderkenntnis unbestritten sein.1 Neben dieser offenen Kooperation, die auf klaren Regeln und vereinbarten Absprachen fußt, gibt es jedoch noch eine weitere Ebene, die sich den Blicken der Öffentlichkeit gern entzieht. Wenn Entscheidungen, die auf dieser Ebene getroffen worden sind, irgendwann publik werden, spricht der Volksmund häufig davon, dass geklüngelt worden sei wofür der Kölner Klüngel sprichwörtlich geworden ist.
Klüngel ethisch betrachtet
Die Entrüstung über so ein aus dem Verborgenen ans Tageslicht getretenes Phänomen spiegelt auch die Enttäuschung wider, nicht in die getroffenen Absprachen eingebunden gewesen zu sein; es fehlt jedoch häufig das begriffliche Instrumentarium, um die Wirkweise (das Wesen) des Klüngelns fassen und sich damit auseinandersetzen zu können. An dieser Stelle setzt die vorgestellte Unterrichtsidee an, mit dem Anliegen, die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, die sublimen Prozesse, die in einem Netzwerk des Klüngelns wirken, zunächst erkennen und anschließend darüber ethisch angemessen reflektieren zu können. Die Ethik des Klüngel(n)sbezieht sich somit auf die Grundannahme eines von der Öffentlichkeit nicht einsehbaren Bereichs von Netzwerken, dem klar geregelte menschliche Übereinkünfte in Form kommunikativer Handlungen und wechselseitiger Erwartungshaltungen zugrunde liegen. Daran schließt sich die Annahme an, dass das Klüngeln einer ethischen Reflexion bedarf. Für die Schülerinnen und Schüler bedeutet das, dass sie die klaren Prinzipien und Handlungsnormen des Klüngel-Netzwerkes erkennen sollen, um anschließend eine fundierte Perspektive für die ethische Beurteilung der Außenperspektive einnehmen zu können.
Klüngel-Netzwerk
Eine spezifische Besonderheit des Klüngel-Netzwerks scheint in seiner im Verborgenen liegenden Gestalt zu liegen. Geht man von der wörtlichen Bedeutung aus, die sich in den synonym verwendeten Begriffen »Filz«, »Sumpf« oder »Gerümpel« widerspiegelt, wäre der Klüngel das Gegenbild zu dem, was man sich landläufig unter einem Netzwerk vorstellt: Statt von einer klaren und oftmals mathematisch präzisen Struktur man denke nur an Darstellungen von Schaltkreisen scheint der Klüngel ein verworrenes und durcheinander gebrachtes Konstrukt zu sein. Dieser Zustand des Unaufgeräumten und nicht mehr klar Erkennbaren und Beschreibbaren könnte ein erster Ansatz sein, weshalb man dem Klüngel quasi spontan einen amoralischen Charakter zuschreibt.
Damit zusammen hängt die grundsätzliche Schwierigkeit der Beschreibung einer Klüngelstruktur, da erst die Draufschau, also das Gesamtbild, das tatsächliche Ausmaß und die Form des Gebildes erkennen lässt, diese Gesamtsicht jedoch die kommunikative Struktur der einzelnen Netzwerkknoten vernachlässigen muss. Daher wählt diese Unterrichtsidee den schülernahen Ansatz, dass sich Klüngel-Netzwerke am besten mittels ihrer Verknotungspunkte, der greifbaren Verbindung mehrerer Menschen im direkten Kontakt, beschreiben und auswerten lassen. Mit dieser Entscheidung befindet man sich im Umfeld soziologischer und (kommunikations)psychologischer Bezugswissenschaften sowie grundlegender anthropologischer Überlegungen.
Die Schülerinnen und Schüler haben im Verlauf der Auseinandersetzung also Gelegenheit, zunächst die wechselseitige Abhängigkeit beim Klüngeln über den Begriff der Seilschaft kennenzulernen. Anschließend folgen basale Theorien zum menschlichen Verhalten in...

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