10. – 13. Schuljahr

Ralf Kellermann

Bleib, wie du bist!?

Authentizität und Selbstoptimierung kritisch hinterfragt

Authentizität, Individualität und Selbstoptimierung diese Werte scheinen heute aktueller denn je. Doch retten wir die Welt, wenn wir nur genug an uns selbst arbeiten? Oder ist es besser, einfach wir selbst zu bleiben? Während Selbstoptimierung mit traditionellen Tugendvorstellungen kompatibel ist, schließt das Ideal der Authentizität die Arbeit an sich selbst aus. In der Auseinandersetzung mit modernen Weisheiten und Gedanken aus der Popkultur reflektieren die Schülerinnen und Schüler den Wert von Selbstoptimierung und dem »Ich-selbst-sein«.

Junge Leute sind unselbstständig, chaotisch und respektlos! Seit der Antike klagen ältere Generationen über den Verfall von Sitten, Tugenden und Werten der Jugend. Bei genauerer Betrachtung erweist sich der vermeintliche Werteverlust jedoch eher als Wertewandel. Ähnlich läuft auch der Angriff auf tradierte Tugenden meist nicht auf die Abschaffung der Tugend insgesamt hinaus, sondern auf die Verteidigung neuer Tugenden. Auch jene Teile der Jugendkultur, die die eher konservativ anmutenden Sekundärtugenden ablehnen, tun dies fast immer mit explizitem oder implizitem Verweis auf Alternativen.
Wertewandel und Primärtugenden
Der Protest gegen Ordnung, Sauberkeit und Respekt impliziert in aller Regel die Berufung auf tradierte Primärtugenden: der Respekt gegenüber Autoritäten wird oft unter dem Verweis auf Gerechtigkeit (Egalität) verworfen, und in der Infragestellung elterlicher Tugend-Imperative (Ordnung und Sauberkeit) zeigen sich meist das Bemühen um die Kardinaltugenden der Tapferkeit (im Gegensatz zum feigen Kuschen der Angepassten) und der menschlichen Größe (die Würde des Vernunftwesens, das nicht ungeprüft befolgt, was man ihm als Imperativ vorsetzt). Selbst wenn konservative (Sekundär-)Tugendapostel das gelegentlich übersehen, resultiert aus der Ablehnung alter Sekundärtugenden kein Nihilismus, sondern ein Katalog neuer Sekundärtugenden. An die Stelle von Ordnung und Sauberkeit tritt die moralische Aufwertung von Lebendigkeit und Kreativität, klassisch illustriert beispielsweise in der Musical-Verfilmung »Hair«. Der vermeintliche Verlust von Moral oder Tugend erscheint aus dieser Sicht also wie so oft als Werte- und Tugendwandel.
Sei dein bestes Selbst und du rettest die Welt
Vor diesem Hintergrund entwickeln sich im Laufe des 20. und 21. Jahrhundert allerdings zwei diskussionswürdige Positionen, die beide in den Jugendbewegungen der letzten Jahrzehnte eine bedeutende Rolle spielen. Die eine Position lässt sich als Übertreibung der Tugendhaftigkeit kritisieren: Hier wird die Selbstoptimierung zum Dreh- und Angelpunkt jeglichen Engagements für die Verbesserung sozialer Probleme stilisiert. Wenn man die Welt zu einem besseren Ort machen wolle, so müsse man bei sich selbst anfangen, behauptet beispielsweise Ghandi. Wahrscheinlich können sich gegenwärtig auch viele Schülerinnen und Schüler dieser Position anschließen. Infrage zu stellen ist diese Haltung nicht zuletzt durch den Hinweis auf soziale Probleme, wie Hunger, Krieg und Fremdenhass. Sie dürften sich als genuin soziale Probleme kaum automatisch auflösen, wenn die Individuen dieser Welt erfolgreich ihre je einzelnen Schwächen überwunden haben.
Ich lass mich nicht verbiegen
Die zweite Position lässt sich als radikale Infragestellung der Tugendhaftigkeit kritisieren: Nach Ansätzen in der frühen Moderne (z.B. Luthers »Hier stehe ich «) und einem starken Schub im 18. Jahrhundert (Empfindsamkeit und Sturm und Drang) wird das Ideal einer unwandelbaren individuellen Authentizität vor allem von den Jugendbewegungen der letzten Jahrzehnte proklamiert. Wer mit Rio Reiser (Sänger der Band Ton Steine Scherben) erklärt, »ich will ich sein, was andres kann ich nicht sein«, wer wie jüngst Zaz in einem Song bekennt, »Je suis comme ci et ça me va / Vous ne me changerez pas« (»So bin ich nun mal, ihr...

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