9. – 13. Schuljahr

Simon Mayer

Durch Willenskraft zum guten Leben?

Der Marshmallow-Test: Sollte ich mich selbst mäßigen?

Die Entscheidung scheint einfach: Einen Marshmallow jetzt oder lieber zwei davon später? Wer als Kind warten kann, so der Psychologe Mischel, ist auch im späteren Leben erfolgreicher. In dieser Einheit reflektieren die Schüler Mischels berühmtes Marshmallow-Experiment kritisch und diskutieren, ob und inwiefern Selbstbeherrschung und Mäßigung wichtige Tugenden für ein gutes Leben sind.

Von der Zügellosigkeit zur Unbeherrschtheit
Spätestens seit ich als Student bei Martin Seel das Seminar »Der Geist der Tiere« belegt hatte, glaubte ich, dass man Tiere eigentlich nicht töten darf, um sie zu essen eigentlich. Denn obwohl ich diese Überzeugung schon mehr als zehn Jahre hatte, konnte ich der »Fleischeslust«, insbesondere Bratwürsten, lange nicht widerstehen. Erst vor etwas mehr als zweieinhalb Jahren fasste ich nach einer Fernsehdokumentation über die globalen Auswirkungen unseres Fleischkonsums und das Leiden der Tiere den Entschluss: »Es muss sich etwas in meinem Leben ändern. Ich will Vegetarier werden!« Aber wie sollte ich den Verlockungen von Aufschnitten, Rumpsteaks und Currywürsten Tag für Tag widerstehen? Und das womöglich für den Rest meines Lebens!
Von der Selbstbeherrschung zur Maßhaltung
Glücklicherweise las ich zu diesem Zeitpunkt ein neues Buch über eine alte Tugend, in dem der Psychologe Walter Mischel die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschung zur Selbstbeherrschung schildert. Vielleicht kennen Sie das populärste Experiment dieser Forschung, das auch namensgebend für das Buch ist, »Der Marshmallow-Test«.1 Mischel und seine Studenten stellten Vorschulkinder vor die Wahl zwischen einem Marshmallow sofort und zwei Marshmallows später (M1 ). Alle Kinder versicherten, sie wollten lieber zwei Marshmallows später. Als sie dann jedoch mit dem Marshmallow in einem kahlen Raum ohne Beschäftigungsmöglichkeiten alleingelassen wurden, handelten etliche Kinder doch so, als ob sie sich dafür entschieden hätten, den einen Marshmallow sofort zu essen.
Meine Situation nach dem Entschluss, Vegetarier zu werden, war der Situation der Kinder im Marshmallowexperiment sehr ähnlich. Auch ich hatte mich für eine Option entschieden, die mir nach Abwägung aller Argumente die richtige zu sein schien. Auch meine Entscheidung wurde durch meine Lust auf die unmittelbar vor mir liegenden Verlockungen auf die Probe gestellt.
Anders als die Kinder, die häufig der Versuchung erlagen, hatte ich mich allerdings auf diese Verlockungen vorbereiten können. Ich hatte mir inspiriert durch die Lektüre von Mischels Buch vorgenommen, jedes Mal, wenn ich Wurst oder Fleisch sah, an eine besonders grausame Schlachtungsszene aus der Fernsehdokumentation zu denken. Mischel würde sagen, dass ich mir einen Umsetzungsplan zurechtgelegt habe (M2 ). Solche Pläne spannen unsere Emotionen, also gerade den Teil, der es uns so schwierig macht, Verlockungen zu widerstehen, im Sinne der rational gefällten Entscheidung ein und haben sich in vielen Experimenten mit Kindern und Erwachsenen als sehr wirkungsvoll erwiesen.
In den ersten Tagen kostete es Mühe, meinem Umsetzungsplan zu folgen, die Schlachtungsszene immer wieder aufs Neue vor meinem geistigen Auge erscheinen zu lassen. Es kostete auch Mühe, vegetarisch zu essen. Aber nach ein bis zwei Wochen sah ich automatisch, wenn ich mit Wurst oder Fleisch in Berührung kam, das kopfüber von der Decke hängende Schwein, den Metzger, der es aufschnitt, und hörte sogar sein Blut auf die Fliesen plätschern. Das Schaudern, das mir jedes Mal über den Rücken lief, machte es mir leicht, kein Fleisch zu essen. Heute brauche ich die Erinnerung an die Schlachtszene nicht mehr, denn ich habe nur noch in seltenen Fällen schwache Lust, Fleisch zu essen. Meistens bin ich sehr gern Vegetarier und stolz darauf.
Tugendethisch lässt sich meine persönliche Veränderung in Anlehnung an Aristoteles als ein...

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