9. – 13. Schuljahr

Alexander Chucholowski

Ein Knigge für die Klasse?

Vom Stellenwert der Sekundärtugenden heute

Betragen, Fleiß und Ordnung Sekundärtugenden scheinen hoch im Kurs: So lassen aktuelle Umfragen vermuten, dass ein Benimmfach an Schulen durchaus gewünscht ist. Zudem proklamieren Studien den positiven Einfluss von Fleiß und Disziplin auf den späteren Erfolg im Leben. In dieser Unterrichtseinheit diskutieren und reflektieren die Schülerinnen und Schüler die positive Funktion von Sekundärtugenden und ihre Gefahren.

Benehmen als Pflichtfach? Laut einer Studie von YouGov (10/2018)1 befürworten 56% der Befragten die verbindliche Einführung eines Pflichtfaches für Benehmen an der Schule, weitere 22% wünschen es sich als Wahlfach und nur 16% sind dagegen. Was ist passiert? Es scheint so, als seien grundlegende Regeln des Benehmens keine Selbstverständlichkeit mehr: Höflichkeit, Disziplin, Fleiß alle diese für das aufstrebende Bürgertum im 18. und 19. Jahrhundert so typischen Tugenden firmieren unter dem Titel der sogenannten Sekundärtugenden, die seit einer Kontroverse 1982 zwischen dem SPD-Politiker Oskar Lafontaine und dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt einen schalen Beigeschmack haben, meinte Lafontaine doch, mit den von Schmidt so gepriesenen Tugenden könne man auch ein KZ leiten.
Tugend ist nicht gleich Tugend
Tatsächlich ist es so, dass diese Sekundärtugenden wohl deshalb so heißen, weil sie wertneutral sind: Man kann ein fleißiger Verbrecher ebenso sein wie ein fleißiger Ehrenmann. Tugenden heißen sie, weil sie ein Habitus im aristotelischen Sinne sind, d.h. sie werden wesentlich durch Ausübung erworben, es gibt jeweils ein Zuviel und ein Zuwenig und sie dienen dem gesellschaftlichen Zusammenleben, damit letztlich der Erreichung der Glückseligkeit in der Gesellschaft, der Ehre. Aber ohne innere Orientierung auf das Gute, die Gerechtigkeit, sind sie eben nur instrumentell. Häufig wird ein Teil dieser Tugenden auch dem preußischen Militärstaat seit Friedrich dem Großen zugeordnet, insbesondere Tugenden wie Disziplin und Ordnung.
Mit Disziplin zum Erfolg
Insofern ist der Ruf danach, diese Tugenden in einem eigens dafür geschaffenen Fach zu unterrichten, ethisch höchst problematisch. Dennoch wird dieser Ruf lauter, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass internationale Studien wenig überraschend gezeigt haben, dass die sogenannten Sekundärtugenden nicht unwesentlich zum schulischen und beruflichen Erfolg beitragen, unabhängig von Intelligenz und Einkommen der Eltern.2 Auch ohne Studie leuchtet ein, dass ordentliche, disziplinierte, fleißige Schülerinnen und Schüler erfolgreicher sind als unordentliche, undisziplinierte und faule.
Sollten die Sekundärtugenden aber wirklich eigens in der Schule unterrichtet werden? Und wer soll das Fach unterrichten? Eine Mittelschule im bayrischen Oberasbach hat 2011 einen Tanzlehrer engagiert, um die Schüler mit modernen Umgangsformen vertraut zu machen.3 Auch in Bremen und Berlin gibt es bereits Modellversuche. Insbesondere die Wirtschaft scheint ein erhöhtes Interesse daran zu haben, dass Schulabsolventen über solche Fähigkeiten verfügen, klagen deutsche Unternehmen doch über eine zu geringe Leistungsbereitschaft und Disziplin bei jungen Auszubildenden.4 Es ist daher nicht überraschend, dass Otto Friedrich Bollnow sie auch »wirtschaftliche Tugenden« genannt hat.5
Die hier vorgeschlagene Unterrichtseinheit soll Bedeutung und Stellenwert der Sekundärtugenden klären und dabei ihre Wertneutralität problematisieren. Geschult werden einmal die Argumentations-, sodann aber auch die Urteilskompetenz der Jugendlichen.
Unterrichtsverlauf
Als Hinführung zur Problematik M1 betrachten die Schülerinnen und Schüler ein Bild, das eine Unterrichtssitua-tion von 1953 zeigt. Sie kontrastieren es mit ihrem aktuellen Bild von Unterricht und stellen voraussichtlich fest, dass heutzutage weniger Disziplin, Ordnung etc. herrscht. Daran schließt sich M2 mit der...

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