10. – 13. Schuljahr

Kolumnen

Ethik und Philosophie im Song
Eko Fresh: Aber
Eko Fresh (mit bürgerlichem Namen Ekrem Bora) ist zurück. Der gebürtige Kölner, seit langem eine feste Größe der deutschen Rap-Szene, ist kein Neuling, wenn es um deutschen Rap mit politischem Inhalt geht. 2013 reagierte er mit dem Track »Quotentürke« bissig-satirisch auf die Stellung deutscher Türken in der Gesellschaft, 2016 meldete er sich dann mit »Domplatten-Massaker« zu den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht zu Wort. Nun greift der Rap-Veteran mit »Aber«1 erneut in den gesellschaftlichen Diskurs der Nation ein, indem er wie er selbst im Song sagt »zwischen den Stühlen steht«
Stilistisch orientiert sich der Track stark an einem vom US-Amerikanischen Rapper Joyner Lucas produzierten Song »Im not racist«, welchen dieser 2017 als Reaktion auf die anhaltenden ethnischen Spannungen in den USA unter Donald Trump veröffentlichte. Grundsätzlich haben Ekos und Lucas Tracks (und ihre Musikvideos) den gleichen Aufbau: An einem Tisch in einer leeren Fabrikhalle sitzen sich zwei Männer gegenüber. Bei Joyner Lucas sind dies ein Afroamerikaner und ein Weißer, bei Eko Fresh ein Deutscher und ein Türke. Sie führen ein Streitgespräch, in dem jede Strophe einem der beiden Männer zufällt, in welcher dieser in einer Mischung aus ernstzunehmenden Sorgen und rassistisch anmutenden Klischees die vermeintliche Lage seiner Ethnie darstellt.
Der Text
Beide Strophen beginnen mit der mittlerweile zur stilistischen Figur des politischen Stammtisch-Diskurses verkommenen Formel »Ich bin kein Nazi, aber « bzw. mit »Ich liebe Deutschland, aber «2 Was dabei ernst zu nehmen ist, was reine Stammtisch-Rhetorik ist, ist dabei nicht immer einfach auseinanderzuhalten, denn beides tritt in den Strophen stark durchmischt auf, was die emotionale und soziale Realität gut widerspiegelt. In der Strophe des Deutschen reicht das Spektrum einerseits von Kritik an Deutsch-Türken, die Erdogans despotisches Regime unterstützen (»Du genießt in meinem Land die Demokratie/Aber zu Hause dann verhilfst du nem Despoten zum Sieg«) bis hin zu Fackeln tragen und AfD wählen (»Die Geister eines linksgrün versifften Masterplans/Deshalb zünd ich Fackeln an und schütze unser Abendland«).
Bei der Strophe des Türken reicht das Spektrum von Kritik an der sozio-ökonomischen Situation von Migranten (»Deshalb findest du keinn Job oder ‚ne Wohnung mit ‚nem Bart/An den Villen keine Klingeln mit nem oriental Namn«) bis zu offen nationalistischer Integrationsverweigerung (»Ich werd nie Deutscher sein, denn ich bin ein stolzer Türke«.)
Der Unterschied zwischen »Im not racist« von Lucas und »Aber« von Eko Fresh besteht in der dritten Strophe, die bei Lucas Track fehlt. Hier tritt Eko nämlich selbst in Erscheinung und versucht, die Einseitigkeit der beiden vorhergegangenen Strophen aufzuheben und quasi als Vermittler aufzutreten. Bei Lucas wird dieser Prozess ganz dem Hörer überlassen. Eko Fresh wischt diese Offenheit mit einem persönlichen Statement beiseite, das dabei auch direkt Bezug nimmt auf frühere Werke des Rappers, allen voran das eingangs erwähnte Stück »Quotentürken«, von dem Eko in der letzten Strophe sagt, dass er nun plötzlich »gar nicht mehr so lustig« sei.3
Diese Stimmung wiederholt sich nun in »Aber«, allerdings in wesentlich ernsterem Ton: »Doch alles, was mich Kanaks fragen, ist, ob ich gefastet hab / Eigentlich ein Künstler, dem die Mucke durch sein Herz pumpt / Doch geh ich in ne Talkshow, ist der Schwerpunkt meine Herkunft«. Damit spiegelt Eko Fresh Realitäten wider, die auch soziologische Erhebungen wahrnehmen. Eine jüngst vom Essener Zentrum für Türkeistudien veröffentlichte Studie belegt, dass die Identifikation in Deutschland lebender Türken mit der Türkei (und dem Islam) über die letzten Jahre stetig gestiegen ist, auch unter jenen Deutsch-Türken, die in dritter Generation in Deutschland leben, hier geboren und sozialisiert werden.4...

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