10. – 13. Schuljahr

Richard Breun

Was sind Tugenden und Laster?

Die Wirklichkeit der Tugend und die Unvermeidlichkeit des Lasters

Tugenden und Laster lassen sich kaum abstrakt bestimmen. Sie wirken sich konkret in moralisch relevanten Situationen aus und werden demgemäß nach ethischen Kriterien bewertet. Obwohl solche Kriterien historisch und kulturell je verschiedene Facetten aufweisen, gelten Tugenden dennoch als beständige Haltungen, die sich in jedem Kontext bewähren und allgemeine Billigung beanspruchen.

Die Vielfalt ethischer Lehren und die Einheit des Charakters
Benimm dich! So verhält man sich doch nicht. Ich bin nicht gern mit ihm zusammen, er raucht und trinkt zuviel. Mit der möchte ich nichts zu tun haben. Halte dich von ihm fern. Das ist ein schädlicher Umgang. Jeder Satz bezieht sich auf ein Gebot, eine Pflicht, die zu erfüllen, ein Gut oder einen Wert, das bzw. der zu schützen oder zu erlangen, eine Tugend, die zu verwirklichen ist, zusammen mit dem Gedanken, sich zu verbessern und wenn man so will zu vervollkommnen. Man verbindet dabei immer eine aus Tradition übernommene oder aus Einsicht selbstgewählte Norm mit einer Vorstellung von gutem und schlechtem Benehmen, von Tugenden und Lastern (im traditionellen christlichen Denken mit Sünden, gar Todsünden).
Im Blick auf Jahrtausende ethischer Reflexion lassen sich in grober Einteilung Güterlehre (bzw. Wertlehre), Pflichtenlehre (bzw. Gebotelehre) und Tugendlehre unterscheiden. Hinzu kommt eine Stufenlehre, die eine sich allmählich herausbildende Vervollkommnung beschreibt zu finden bei Platon, christlichen Denkern und Mystikern bis hin zu Kohlberg, außerdem in der Bildungslehre des Konfuzius und im indischen Denken mit der Richtung auf die Befreiung von aller Bindung an Äußerlichkeiten, sprich ›die Welt‹.
Es ist auffallend, dass es in den Beispielsätzen fast immer um Verfehlungen geht. Das Negative sticht heraus, das Positive wird ohnehin erwartet. In letzteres gehen Normen von Anstand und moralischen Üblichkeiten, aber auch vom Ideal eines guten Menschen ein. Dieses Ideal wird klassischerweise beschrieben als ein Bündel von Tugenden, das zusammengehalten wird von der Tugendhaftigkeit selbst, deren Wesen sich schwer fassen lässt; manchmal wird dafür eine alles übergreifende oberste Tugend benannt, dann wieder eine gelungene Mischung beschrieben, die sich in der Persönlichkeit selbst, ihrem Charakter, manifestiert, und zwar ganz individuell, unverwechselbar.
Zivilisiertheit und Zivilisationsbruch
Mit unanständigen, lasterhaften Menschen möchte man nichts zu tun haben. Anständige, tugendhafte Menschen gelten als auskömmlich, aber langweilig. Der Tugendbold ist einer, der sein gutes Benehmen herzeigt wie der Neureiche seinen Besitz. Tugendterror hält die Menschen auf Trab, um die Maßgaben einer herrschenden, an Macht interessierten Clique einzuhalten. Die Lasterhöhle bietet Gelegenheit, sich exzessiv solchen Dingen zu widmen, die aus der Öffentlichkeit verbannt werden, weil sie in ihrer Auswirkung die Ordnung stören. Manch ein Laster wird aber akzeptiert und gilt gar als liebenswert, als ›lässliche Sünde‹. Mädchen und Frauen wurde die Tugendhaftigkeit wie ein Korsett angelegt, Jungen und Männer durften auch mal über die Stränge schlagen. Der zu Kontrollzwecken instrumentalisierte Begriff von Tugend wurde dermaßen in seinem ursprünglichen Gehalt verbogen vorwiegend in Richtung weiblicher Keuschheit sowie männlicher Kraft und Verwegenheit, aber auch gesellschaftlicher Angepasstheit , dass er kaum noch sinnvoll gebraucht werden konnte.
So wurde er mit Pathos aufgeladen, und aufgeblasen, wie er daher kam, musste seine vollgefüllte Bedeutungsblase erst einmal platzen. Das Wort verlor mit der Zeit an Kraft, stand dann noch vorwiegend für zumindest vorgetäuschte sexuelle Zurückhaltung. Die mit dem Wort ursprünglich bezeichnete Sache hat aber nicht ihre Bedeutung eingebüßt.
Das wurde schon früh im 20. Jahrhundert festgestellt, so etwa...

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