8. – 10. Schuljahr

Eva Müller

Zwischen Tugend und Laster

Das Wertequadrat als Relativierungsinstrument von Tugenden und Lastern

In jeder schlechten Eigenschaft steckt auch etwas Gutes. Oft tun wir uns jedoch schwer, dies zu erkennen: Jemand, der selbst Fremde überschwänglich begrüßt, wirkt leicht distanzlos, auch wenn die Handlung freundlich gemeint ist. Mit dem Wertequadrat von Friedemann Schulz von Thun erhalten die Schülerinnen und Schüler ein Werkzeug an die Hand, mit dem sie negative und positiven Eigenschaften erkennen und reflektieren lernen.

Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr (Martin Walser)
Der aristotelische Balanceakt zur Bestimmung von Tugend als Entscheidung wird im christlichen Mittelalter ersetzt durch einen vorgegebenen Tugendkanon und eine klare Trennung zwischen Tugend und Laster. Dieser Dualismus beeinflusst die weitere Entwicklung, prägt unsere Urteile bis heute und auch unsere Bewertungen in der Schule. Wir erstellen in der Regel ein Ranking aufgrund einer geforderten Leistung oder eines Charaktermerkmals und können dadurch schnell entscheiden, wer »besser« und wer »schlechter« ist. Dass dieses Vorgehen nicht bloß eindimensionale Ergebnisse liefert, sondern bei komplexerem Sachverhalt sogar eher schadet, liegt auf der Hand.
In den 1980er-Jahren entdeckt Friedemann Schulz von Thun beim Studium der »Charakterologie« Paul Helwigs1 (1893 – 1963) zufällig das Wertequadrat und ist begeistert: »Das Werte- und Entwicklungsquadrat gehört zu jenen »Werkzeugen des Geistes«, die ich sowohl professionell als auch existenziell immer im Hinterkopf habe, wenn ich es mit einem Gegensatz, einer Widersprüchlichkeit, einer Polarisierung, einem Dilemma zu tun bekomme.«2 Konkret setzt Schulz von Thun das Werte- und Entwicklungsquadrat in der Beratung (Coaching), bei der Beurteilung und beim Feedback, in der Mediation, zur Bestimmung des Herausforderungsprofils, das eine Situation oder eine Rolle kennzeichnet, und zur lebensphilosophischen Reflexion unseres Daseins ein.
Die Begeisterung Friedemann Schulz von Thuns zeigt sich auch als gerechtfertigt, wenn man das Werte- und Entwicklungsquadrat Schülerinnen und Schülern zugänglich macht. Dies kann beim Thema Konflikte in der Sekundarstufe I oder in der Sekundarstufe II als Einstieg oder als Vertiefung in einer Unterrichtssequenz zu Aristoteles geschehen oder beim Thema Konflikte in der Sekundarstufe. Selbst bei moralischen Dilemmata öffnet es den Blick für pragmatische Lösungen. Zu Recht empfinden es Schülerinnen und Schüler als Gewinn, wenn sie ein Instrument an die Hand bekommen, das so alltagstauglich ist. Das Vorgehen im Unterricht ist unkompliziert und gliedert sich in einer Doppelstunde in fünf Schritte:
  • Ein persönliches Wertequadrat erstellen
  • Ein vorgefertigtes Wertequadrat betrachten
  • Die Entwicklungsmöglichkeiten im vorgefertigten Wertequadrat diskutieren
  • Die Entwicklungsmöglichkeiten im persönlichen Wertequadrat untersuchen
  • Gemeinsam über das Werkzeug Werte- und Entwicklungsquadrat nachdenken
  • Anschluss an Aristoteles oder Anschluss an das ThemaKonflikte
Das persönliche Wertequadrat
Da es beim Erstellen eines eigenen Wertequadrats (M1 ) um etwas Persönliches geht, sollte jeder für sich allein arbeiten und das Ergebnis anderen nicht zeigen müssen. Da der weitere Verlauf von der Qualität dieser Arbeit abhängig ist, sollte hier große Sorgfalt aufgebracht werden. Die größte Schwierigkeit besteht darin, dass die Schülerinnen und Schüler die Arbeitsanweisungen nicht oder falsch verstehen. Dem kann entgegengewirkt werden, wenn während der Arbeit etwa nach Arbeitsauftrag 2 eine bildliche Darstellung des Werte- und Entwicklungsquadrats gezeigt wird (Abbildung 1 ). Rückfragen zum Verständnis sollten möglich sein, auch auf ausreichend Zeit zum Ausfüllen sollte geachtet werden, denn es ist wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler die einzelnen Schritte nacheinander und in der vorgeschlagenen Reihenfolge durchlaufen. Nur wenn sie sich auf einen...

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